Auf den Spuren der Exilanten 2: Die Werfels in Sanary
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 fanden Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel Zuflucht im südfranzösischen Sanary-sur-Mer. Dort bezogen sie den ehemaligen Wachtturm Moulin Gris, der hoch über dem Hafen und der Bucht lag. Das Moulin Gris war ursprünglich der mittelalterliche Signalturm Le Farot. Alma Mahler-Werfel beschrieb ihn als einen alten Wachturm, den ein Künstler zu einem ungewöhnlichen Wohnhaus umgestaltet hatte. Im obersten Stockwerk befand sich ein großer Raum mit zwölf Fenstern und einem weiten Rundblick über Meer, Hafen und die umliegenden Hügel. Dort arbeitete Franz Werfel an seinen Manuskripten. So fanden Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel hoch über der Bucht von Portissol im Moulin Gris für zwei Jahre einen Ort der Sicherheit und des Arbeitens. Mit dem deutschen Vormarsch in Frankreich endete diese vergleichsweise ruhige Zeit. Im Juni 1940 mussten die Werfels Sanary verlassen. Über Lourdes und Marseille gelang ihnen mit Hilfe des amerikanischen Fluchthelfers Varian Fry die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien und weiter über Lissabon in die USA.

Bereits in der Antike verfügten die provenzalischen Küsten über ein System zur Überwachung des Meeres. Es beruhte auf optischen Signalen, den sogenannten Farots oder Wachfeuern, die der Verteidigung des Küstenraums dienten. Im 14. Jahrhundert nahm die Gefahr von Angriffen vom Meer zu. Um Häfen und Küsten zu schützen, ließ Robert I. von Neapel, Graf der Provence, die Küstenverteidigung ausbauen. Ein Erlass vom 30. Juni 1302 legte die Standorte der Signalstationen fest.
Über ein Netz solcher Türme konnten Nachrichten überraschend schnell weitergegeben werden. Bei Tag nutzten die Wächter Rauchzeichen, bei Nacht Feuer. Die Zahl der Signale entsprach der Zahl der gesichteten Schiffe. Wurden bei Einbruch der Dunkelheit auf allen Türmen Feuer entzündet, galt dies als Zeichen, dass keine Gefahr drohte. Zugleich dienten die Signale der sicheren Orientierung für Schiffe auf dem Weg in den Hafen.



Der Farot von Sanary wurde auf den Anhöhen über der Bucht von Portissol errichtet und bot einen weiten Blick über das Meer. Ein Protokoll aus dem Jahr 1323 bezeichnet den Turm als „Fanal“, also als Signal- oder Leuchtturm. Die Herren von Ollioules, Évenos und Sanary waren für seine Wartung und Bewachung verantwortlich. Vernachlässigten sie diese Pflicht, drohten Geldstrafen und sogar der Verlust ihrer Lehensrechte. Der Turm war etwa acht Meter hoch und besaß einen Durchmesser von sechs bis sieben Metern. 1633 bestätigte Henri de Seguiran die Funktionsfähigkeit dieses Signalnetzes. Später wurde es nur noch saisonal genutzt. Nach der Französischen Revolution wandelte man den Turm in eine Signalstation um, die als „Croix des Signaux“ bekannt wurde.
Der Turm hat sich bis heute erhalten, liegt jedoch innerhalb eines Privatgrundstücks. Ende der 1930er Jahre fanden hier die österreichischen Exilschriftsteller Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel Zuflucht.
Seit dieser Zeit trägt der ehemalige Farot den Namen „Le Moulin Gris“.


Nur wenige Gehminuten vom Moulin Gris entfernt erhebt sich die Kapelle Notre-Dame de Pitié. Seit dem 16. Jahrhundert wachte sie über Hafen und Bucht. Der dort wohnende Einsiedler läutete bei Sturm und Nebel die Glocke, um den Fischern die Rückkehr zu erleichtern. So verbanden sich auf den Anhöhen von Sanary religiöser Schutz, maritime Sicherheit und die jahrhundertealte Tradition der Küstenwacht.



Kapelle Notre-Dame de Pitié (1560) – Geschichte
Diese Kapelle wurde 1560 von den Bewohnern des Weilers Saint-Nazaire errichtet, der damals zur Stadt Ollioules gehörte.
Ein Einsiedler war für ihren Unterhalt verantwortlich. Er musste außerdem bei Gewitter oder Nebel die Glocke läuten, damit die Boote sicher in den Hafen zurückfinden konnten. Ebenso warnte er vor feindlichen Schiffen.
1667 gelobten die Bewohner von Saint-Nazaire, jedes Jahr auf Dauer eine Prozession abzuhalten, falls es ihnen gelingen sollte, sich von Ollioules zu lösen. Dieses Recht wurde ihnen 1688 gewährt.
1707 richtete man hier aufgrund der drohenden Invasionen durch Herzog Amadeus von Savoyen einen Wachposten ein.
1720 diente die Kapelle als Lazarett für die Opfer der Pest.
Während der Französischen Revolution wurde sie als Nationaleigentum eingezogen. Ihre Glocke, Geländer und Balustraden wurden entfernt und zugunsten der Republik eingeschmolzen.
Am 29. Ventôse des Jahres II (März 1794) wurde die Kapelle von Hauptmann Ferranti erworben, dem Kommandanten der Küstenartillerie von Sanary.
1805 wurde sie wieder dem Gottesdienst übergeben.
Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 richtete man hier ein Lazarett zur Versorgung verwundeter und erkrankter Soldaten ein.
1909, nach der Trennung von Kirche und Staat, wurden die Kapelle und ihre Ausstattung der Gemeinde Sanary übertragen.
Die Kapelle erfüllte nicht nur religiöse Funktionen. Der Einsiedler läutete die Glocke bei Nebel und Unwettern, um den Fischern den Weg in den Hafen zu weisen, und warnte zugleich vor feindlichen Schiffen. Damit gehörte Notre-Dame de Pitié zusammen mit dem nahe gelegenen Farot zu dem historischen System der Küstenüberwachung oberhalb der Bucht von Sanary.


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