„Sanary, kennst Du Sanary? Jetzt in Sanary – das wär‘ schön!“
Im Frühjahr 1961besuchten wir als Schülergruppe im Rahmen der deutsch-französischen Städtepartnerschaft zwischen Wetzlar und Avignon den kleinen Hafenort Sanary an der provenzalischen Mittelmeerküste. Anfang der 1960er Jahre hatte er noch seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Fischerboote lagen vor den bunten Fassaden des Hafens, während sich das Leben überwiegend auf den Kai, die Cafés und die schmalen Gassen der Altstadt konzentrierte.
Irgendwie kommt Zahnweh immer zur falschen Zeit. Zum beispiel auf der Klassen-Wander-Fahrt. Eine zeitlang habe ich ja durchgehalten. Aber dann musste ich doch zum Zahnarzt. der nächste Ort war Bad Mergentheim.
Ein bisschen Bohren, ein bisschen Plombe. Und dann ging es wieder. Aber auf dem Weg vom Zahnarzt zur Jugendherberge passierte es dann.
Irgendwo lief ich durch einen Park. Hohe Bäume warfen große Schatten. Auf einmal sprang ein Mann aus dem Gebüsch vor mich und wollte mir unbedingt „etwas Interessantes“ zeigen. Na ja. Ich war neugierig…
Und dann holte er ein paar Fotografien hervor. Pornografische…
Und dann wollte er mir an die Hose…
Meine Hand fuhr an mein Pfadfindermesser, das an meiner Lederhose befestigt war. (Damals war sowas noch erlaubt)
Und siehe da, zu meinem Glück verschwand der Typ so schnell, wie er gekommen war.
Auch ich trollte mich und schwieg. Wem sollte ich von dieser Begegnung erzählen? Ich schämte mich ja. Ich hatte ja Pornos geschaut. Die Gefährlichkeit der Situation war mir nicht bewußt.
Sehr lange habe ich dieses Geschehen verdrängt.
Heute lernen wir, dass Schweigen und Verdrängen der falsche Weg sind, dass wir Täter zur Rechenschaft ziehen müssen. Deshalb schreibe ich hier darüber!
oder wie aus alten (französischen und deutschen) Feinden Freunde und Verbündete wurden.
Der aus meiner Sicht schockierende Bericht des Spiegels über „Bürger aus Saint-Malo in der Bretagne, die nach Mecklenburg-Vorpommern reisen, um eine Städtepartnerschaft (Jumelage) zu verabreden … und denen man dort die kalte Schulter zeigt“, hat mich bewegt, ein wenig zurück zu denken.
1955 wurde auf Betreiben der Juristin, Mäzenin und Tochter des Wetzlarer Industriellen Ernst Leitz II. Dr. Elsie Kühn-Leitz die Deutsch-Französische Gesellschaft Wetzlar e.V. ins Leben gerufen. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs wollte Elsie Kühn-Leitz gezielt Erbfeindschaften abbauen und die zivile Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich fördern.