Mein Vater hat mir immer erzählt, der Name Bergis käme aus dem Altgermanischen oder Altnordischen und bedeute Bärentöter. Als kleiner Junge – der klein und schmächtig war – dachte ich irgendwann würde ich auch entsprechend groß und stark. Daraus wurde nichts.

Als ich ein Heranwachsender war, erzählte mir ein Deutschlehrer, der Name käme wohl vom nordischen Berserker. Darauf war ich weniger stolz. Es passte aber eher zu dem, was meine Mutter erzählte, dass ich nämlich ein „echter Zornegickel“ gewesen wäre.
Nun haben die LLMs – gemeinhin als KI bezeichnet – das Recherchieren einfacher gemacht. Und so ergibt sich heute ein anderes Bild.
Bergis ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Variante nordischer Namen mit der Grundbedeutung „der/die Schützende“ oder „der/die Rettende“, wurzelnd im altnordischen bjarga.
Das Namenselement Berg- geht auf das altnordische Verb bjarga zurück, das „helfen, retten, schützen“ bedeutet. Im Altnordischen bedeutet bjarga „to help, save, rescue“. Daraus entstanden viele nordische Namen mit diesem Wortstamm. Verwandte Namensformen wie Bergisa, Bergit, Bergitta oder Berit sind altnordischer (und teilweise keltischer) Herkunft mit der Bedeutung „die Erhabene“ oder „die Helfende“. Der männliche Name Birger etwa leitet sich direkt vom altnordischen bjarga ab und bedeutet „Schützer“ oder „Helfer“.
Das altnordische Wort berg („Berg, Felsen“) ist eine andere Form von bjarg und etymologisch verwandt mit dem deutschen Wort „Berg“. Die germanische Wurzel bergaz bedeutete ursprünglich sowohl „Berg, Höhe“ als auch „Schutz“. Das heißt, beide Bedeutungen – „Fels/Berg“ und „Schutz/Rettung“ – hängen etymologisch zusammen.
Die Nazis hatten eine ausgeprägte Faszination für altnordische und germanische Mythologie und es gab eine gezielte Bewegung, germanisch-nordische Vornamen zu fördern und christlich-lateinische Namen zu verdrängen.
Für meinen Vater, einen Germanisten mit nationalsozialistischer Überzeugung, war die Wahl eines altnordischen Namens für sein Kind also eine ideologische Aussage.
Bergis mit seiner Wurzel in bjarga – „schützen, retten“ – war genau der Typ Name, der in dieses Weltbild passte: nordisch klingend, heroisch konnotiert, selten und damit bewusst gewählt, ohne der breiten Masse anzugehören.
Ich habe oft darüber gewitzelt. Zwei Monate nach Kriegsende hatte er mich vielleicht so genannt, damit ich doch noch den „Endsieg“ erringe?
Laut Namespedia wurde Bergis als Vorname weltweit nur 17-mal in 4 verschiedenen Ländern gefunden. Für Deutschland spezifisch gibt es keine eigene Zahl – das deutet darauf hin, dass der Vorname hier so selten ist, dass er statistisch nicht erfassbar ist. Ungewöhnliche Namen laden normalerweise zur Hänselei ein, aber ich habe das nicht erlebt. Bergis hat offenbar eine Würde und einen Klang, der das verhindert hat. Er ist ungewöhnlich, aber nicht angreifbar – kein weicher Vokal am Ende, kein komischer Klang, nichts Lächerliches. Eher das Gegenteil: er klingt fest, markant, ein bisschen unnahbar.
Aber es gab immer wieder Erklärungsbedarf. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich vermutlich Hunderte von Gesprächen geführt, die ohne diesen Namen nie stattgefunden hätten. Er hat mich gewissermaßen als Türöffner 80 Jahre lang begleitet.
Und was wurde aus der Ideologie? Das altnordische Erbe, das mein Vater mir mit ideologischer Absicht gegeben hat, aber das ja eigentlich älter ist als jede Nazi-Ideologie ist und ihr gar nicht gehört.
Bjarga – schützen, retten – passt vielleicht besser zu einem entwicklungshelfer, Sozialdemokraten und Antifaschisten, der ich geworden bin – als zu dem, was mein Vater damit gemeint haben mag.
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