
Ich bin in der Schmiedgasse 1 in Wetzlar aufgewachsen. Für mich war es einfach unser Haus — der Geruch des Treppenhauses, die Ecke zum Kornmarkt, die Geräusche der Gasse. Ein Fachwerkhaus, unscheinbar von außen, wie viele in dieser Altstadt. Dass in diesen Mauern Geschichte steckte, hat mir erst das Erwachsenwerden beigebracht.



Was ich über dieses Haus weiß — und was mir erzählt wurde — sind zwei verschiedene Dinge. Ich versuche, sie auseinanderzuhalten.
Was gesichert ist: Goethe war hier
Wetzlar war 1772 für den jungen Goethe mehr als eine juristische Pflichtstation am Reichskammergericht. Die Stadt inspirierte ihn — ihre Gassen, ihre Gesellschaft, und vor allem Charlotte Buff, die Tochter des Amtmanns im Deutschordenshof. Die Begegnung wurde zur Vorlage für Die Leiden des jungen Werther, einen Welterfolg, der Goethe mit 24 Jahren berühmt machte.
Dass eine Tante Goethes zeitweise in Wetzlar lebte und ihm Unterkunft anbot, ist biografisch überliefert. Goethe lehnte ab — er fühlte sich, so wird berichtet, von ihr zu sehr beobachtet. Er zog es vor, ein Zimmer neben dem Gasthof Zum Römischen Kaiser zu mieten.
Dass diese Tante in der Schmiedgasse 1 wohnte — in meinem späteren Elternhaus — wurde uns so erzählt. Einen Beleg dafür habe ich nicht. Es ist Familienüberlieferung, vielleicht auch Wetzlarer Stadtlegende. Ich erzähle es als das, was es ist: eine Geschichte, die in diesem Haus weiterlebt, ohne dass ich für ihre Wahrheit bürgen kann.
Was gesichert ist: Karl Follen und der Weihnachtsbaum
Karl Follen wurde 1796 in Gießen geboren. Sein Vater war Advokat am Reichskammergericht in Wetzlar — einem der bedeutendsten Gerichte des Heiligen Römischen Reiches, das bis 1806 in dieser Stadt tagte. Ob der Vater in der Schmiedgasse 1 wohnte, ist nicht belegt. Auch das ist eine Geschichte, die in unserer Familie kursierte — möglich, nicht beweisbar.
Was über Karl Follen selbst gesichert ist, ist dafür umso bemerkenswerter. Er emigrierte in die USA, wurde der erste Deutschprofessor an der Harvard University — und stellte 1832 in seinem Haus in Cambridge, Massachusetts, einen Weihnachtsbaum auf, geschmückt nach deutscher Tradition mit Kerzen und Süßigkeiten. Die Schriftstellerin Harriet Martineau beschrieb das Spektakel so begeistert in ihrem Buch Retrospect of Western Travel, dass der Brauch sich rasch in den vornehmen Kreisen Neuenglands verbreitete. Von dort aus nahm der Weihnachtsbaum seinen Weg durch Amerika.
Ein Gießener, dessen Vater vielleicht in Wetzlar wohnte, vielleicht in meinem Haus — und der den deutschen Weihnachtsbaum nach Amerika brachte. Die Kette der Vielleichts ist lang. Aber Karl Follen selbst ist keine Legende.
Was bleibt:
Selbst wenn nur die Hälfte davon wahr ist — ein Haus auf der Ecke zum Kornmarkt, Goethe in der Nachbarschaft, ein Wetzlarer Advokat, dessen Sohn den Weihnachtsbaum nach Harvard trug — das ist mehr Geschichte, als die meisten Häuser je gesehen haben.
Ich bin jetzt achtzig. Als Kind habe ich in diesem Haus gespielt, ohne zu ahnen, welche Geschichten in seinen Mauern stecken sollen. Was ein Kind sieht und was die Geschichte daraus macht, sind selten dasselbe. Ich bin froh, beides zu kennen — das Haus von innen, und seine Legenden von außen.
Ach ja, und vielleicht entstehen die Mythen ja so (Schmiedgasse 7):


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Geschichten müssen nicht unbedingt dokumentiert sein. Wenn sie weiter gegeben werden ist zumeist was dran. Mir gefällt der Gedanke, dass du mit solchen Geschichten aufgewachsen bist.
Wir haben gerade über die Verbreitung des Weihnachtsbaumes gelesen. Karl Follens Weihnachtsbaum wurde bekannter durch einen Bericht des britischen Schriftstellers Harriet Martineau, die Follens Weihnachtsfeier beschrieb. Dadurch erfuhren viele Amerikaner erstmals von diesem deutschen Brauch
Grüße R&M wieder aus Hommertshausen