Zynischer geht es kaum!
Die fürchterlichen Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM), dieser traditionell religiös, aber männlich dominierten Praxis, habe ich in meiner Zeit als Arzt in Afrika leider allzu oft sehen können. Betroffene leiden häufig unter starken Blutungen, Infektionen, und chronischen Schmerzen. Der Verlust der Libido ist gewollt! Spätere Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt sind häufig und führen nicht selten zum Tod. Die lebenslangen psychischen Belastungen sind gravierend.
In den meisten Ländern Afrikas ist daher FGM mittlerweile zumindest gesetzlich verboten.

Was leider nicht bedeutet, dass sie nicht praktiziert wird…
Mitte August sorgte in Mali eine digitale Kampagne für Empörung.
Über soziale Netzwerke verbreiteten anonyme Accounts Botschaften, die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) nicht nur verteidigten, sondern sogar als Beitrag zum „Schutz von Mädchen“ darstellten.
Für Frauenrechtsorganisationen und Gesundheitsexperten ist dies ein beunruhigendes Signal: Der Kampf gegen diese Praxis ist längst nicht gewonnen.
Auslöser war offenbar eine Anti-FGM-Kampagne einer Nichtregierungsorganisation in Bamako. Kurz darauf erschienen in sozialen Medien Gegenbotschaften mit Männern vor den malischen Nationalfarben und Slogans wie: „Ja zur Beschneidung in Mali! Lasst uns Mädchen schützen und ihre Zukunft aufbauen.“ Die Botschaften versuchten, die Genitalverstümmelung als kulturell wertvolle und schützende Tradition darzustellen. Damit wurde die Argumentation von Menschenrechts- und Gesundheitsorganisationen bewusst umgedreht. Statt auf die Risiken und Folgen der Praxis hinzuweisen, präsentierten die Kampagnenmacher FGM als Mittel zur Bewahrung von Moral, Tradition und sozialer Ordnung.
Während nahezu alle afrikanischen Staaten FGM inzwischen ausdrücklich verboten haben, fehlt in Mali bis heute ein spezifisches Gesetz gegen die Praxis. Zwar verurteilt das Strafrecht Gewalt allgemein, eine eindeutige Kriminalisierung der weiblichen Genitalverstümmelung existiert jedoch nicht. Die Folgen zeigen sich in den Statistiken: Rund 89 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren wurden nach aktuellen Erhebungen beschnitten. Bei Mädchen unter 15 Jahren liegt die Quote noch immer bei etwa 70 Prozent. Obwohl dies einen leichten Rückgang gegenüber früheren Jahren darstellt, gehört Mali weiterhin zu den Ländern mit den höchsten FGM-Raten weltweit.
Der eigentliche Grund zur Sorge liegt jedoch nicht allein in den Zahlen, sondern in der gesellschaftlichen Unterstützung für die Praxis. Viele Menschen betrachten FGM weiterhin als religiöse Pflicht oder als unverzichtbaren Bestandteil kultureller Identität. Gegner der Genitalverstümmelung werden häufig als Vertreter „westlicher“ Werte dargestellt, die traditionelle Lebensweisen zerstören wollten.
Genau an diesem Punkt setzt die aktuelle Social-Media-Kampagne an. Sie verbindet die Verteidigung von FGM mit nationalem Stolz und dem Wunsch nach kultureller Selbstbestimmung. Frauenrechtsorganisationen warnen deshalb davor, dass die Debatte zunehmend politisiert wird.
Dabei sind die gesundheitlichen Risiken der Genitalverstümmelung seit Langem dokumentiert. Eine viel beachtete Studie aus dem Jahr 2023 schätzte, dass FGM in 15 afrikanischen Ländern, darunter Mali, mit rund 44.000 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr in Zusammenhang steht.
Die virale Kampagne löste eine breite Gegenreaktion aus. Frauenrechtsgruppen, Gesundheitsexperten und die Nationale Menschenrechtskommission Malis forderten erneut ein ausdrückliches Verbot der Praxis. Gleichzeitig versuchen Aktivisten in sozialen Netzwerken, Falschinformationen zu widerlegen und die gesundheitlichen sowie rechtlichen Folgen von FGM sichtbar zu machen.
Doch der Vorfall zeigt auch, wie sehr sich die Auseinandersetzung verändert hat. Der Kampf gegen Genitalverstümmelung wird heute nicht mehr nur in Dörfern, Schulen oder Moscheen geführt, sondern zunehmend auch auf Facebook, TikTok und anderen Plattformen. Digitale Kampagnen können traditionelle Narrative binnen weniger Tage millionenfach verbreiten und bereits erzielte Fortschritte wieder infrage stellen.
Die Ereignisse in Mali sind weit mehr als ein lokaler Streit um eine überlieferte Tradition. Sie zeigen, dass selbst dort, wo Aufklärung und internationaler Druck Fortschritte erzielt haben, die gesellschaftliche Akzeptanz von FGM weiterhin tief verwurzelt sein kann.
Die Mitte August in Mali viral gegangene Online-Kampagne zur Verteidigung weiblicher Genitalverstümmelung zeigt, dass der Kampf gegen FGM keineswegs entschieden ist. Und auch Deutschland bleibt betroffen: Nach aktuellen Schätzungen leben hier rund 123.000 Frauen und Mädchen, die von FGM betroffen oder gefährdet sind. Menschenrechtsorganisationen warnen deshalb vor der Annahme, die Praxis sei ein ausschließlich afrikanisches Problem. Stattdessen verdeutlicht der Fall Mali, wie stark traditionelle Rechtfertigungen über soziale Medien weiterverbreitet werden und wie wichtig Prävention und Aufklärung auch in Europa bleiben.
Die virale Pro-FGM-Kampagne macht deutlich: Der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ist nicht nur eine rechtliche und gesundheitspolitische Herausforderung, sondern zunehmend auch ein Kampf um Deutungshoheit im digitalen Raum.
Solange Tradition und vermeintlicher „Schutz“ als Rechtfertigung für die Verstümmelung von Mädchen dienen, bleibt die Abschaffung dieser Praxis eine der großen menschenrechtlichen Aufgaben Afrikas.
Und aller, denen das Wohl von Mädchen und Frauen am Herzen liegt.
(Quellen: [maghrebi.org], [africa.com], [issafrica.org], [theheritagetimes.com], [businessel…africa.com], [apanews.net], [bmbfsfj.bund.de])
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Wunderbar dargestellt und zusammengefasst, lieber Bergis!
S. meine Ministudie zu FGM in Guinea (2024): https://health.bmz.de/studies/female-genital-mutilation-in-guinea-a-never-ending-story/
Sehr interessant! Das „neue“ Problem in / aus Mali ist die Dynamik der sog. sozialen Medien in Verbindung mit dem „erwachenden Afrikanismus“.
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S. meine Ministudie zu FGM in Guinea (2024): https://health.bmz.de/studies/female-genital-mutilation-in-guinea-a-never-ending-story/