Holland 2026
Spätestens, als wir über den großen Damm nachhause fuhren aber bereits vorher als ich auf die Polder schaute, fragte ich mich: Wie ist sie eigentlich entstanden, diese flache, grüne, makellos organisierte Landschaft bis zum Horizont? Die Antwort ist eine der erstaunlichsten Ingenieursgeschichten des 20. Jahrhunderts — und eine, die man in Deutschland kaum kennt.
Die Zuiderzee — wörtlich: Südersee — war jahrhundertelang ein flaches Binnenmeer, das tief in die Niederlande hineinragte. Edam und Volendam lagen an ihrem Ufer. Die Fischer fuhren auf ihr hinaus, der Käse wurde über sie verschifft. Das Meer war Lebensgrundlage und Bedrohung zugleich. Sturmfluten rissen immer wieder ganze Küstenstreifen weg.

Der Plan, das Meer wegzusperren
Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Ingenieur Cornelis Lely eine Idee, die nach Größenwahn klang: einen 32 Kilometer langen Damm quer durch die Zuiderzee bauen, das Meer von der Nordsee abtrennen und das Wasser dahinter allmählich aussüßen. Die Bevölkerung war skeptisch. Erst die Flutkatastrophe von 1916 brachte den nötigen politischen Willen, und 1918 schuf Lely als Verkehrsminister mit dem Zuiderzee-Gesetz die gesetzliche Grundlage.
1932 war der Afsluitdijk fertig. Die Zuiderzee hörte auf zu existieren — aus ihr wurde das IJsselmeer. Dann kamen die Polder: der Nordostpolder 1942, Ost-Flevoland 1957, Süd-Flevoland 1968. Die heutige Provinz Flevoland hat eine halbe Million Einwohner — auf Land, das vor neunzig Jahren noch Meeresboden war. Beim Trockenlegen tauchten über 450 Schiffswracks auf, mittelalterliche Handelskoggen, versunkene Jahrhunderte.
Das war kein Marktprojekt. Das war staatliche Planung über Generationen hinweg, mit einem nationalen Ziel und dem Willen, es durchzuhalten. Man kann das nicht unkritisch bewundern — die Fischer von Volendam und Edam verloren ihre Zuiderzee und damit die Lebensgrundlage, ohne groß gefragt zu werden. Aber die Kühnheit des Gedankens, dass Menschen kollektiv entscheiden können, wo das Meer aufhört und das Land anfängt — die beeindruckt mich.
Und jetzt kommt das Wasser zurück
Ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Die Pumpen laufen rund um die Uhr. Man hört sie nicht — aber man weiß, dass sie laufen. Und der Meeresspiegel steigt.
„Gäbe es keine Deiche, stünden bei jedem normalen Tidehochwasser rund ein Drittel der Niederlande bis zu sechs Meter tief unter Wasser. Insgesamt 60 Prozent der niederländischen Bevölkerung müsste sich dann eine neue Heimat suchen.“ (Diercke.de)
Der niederländische Historiker Rutger Bregman (Wenn das Wasser kommt) hat eine Karte gezeichnet, die zeigt, was bis 2300 passieren könnte — bis auf einen kleinen Streifen im Südosten wären die Niederlande verschwunden. Eine pessimistische Prognose, gewiss. Aber keine fantasierte. Schon bei einem Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter müssten die Deiche um bis zu zwei Meter erhöht und um bis zu vierzig Meter verbreitert werden — was bedeutet, dass Straßen und Gebäude weichen müssten.
Die Niederländer reagieren darauf, wie sie immer reagiert haben: mit Planung und Technik. Das Deltaprogramm sieht bis 2050 jährlich rund 50 Kilometer Deichverstärkungen vor, mit Investitionen von 1,2 Milliarden Euro allein zwischen 2022 und 2027. Gleichzeitig wird ein neues Konzept erprobt: „Meebewegen met het water“ — mit dem Wasser mitgehen statt gegen es ankämpfen. Städte und Landschaften sollen so gestaltet werden, dass sie bei Hochwasser nicht kapitulieren, sondern nachgeben und sich erholen.
Das ist ein Paradigmenwechsel. Nach Jahrhunderten des Zurückdrängens des Wassers die Idee, ihm Raum zu lassen. Klug. Und trotzdem: Das Problem wirkt für die meisten Niederländer noch nicht dringend. Der Meeresspiegel ist in den letzten 115 Jahren erst um 20 Zentimeter gestiegen — zu wenig, um täglich spürbar zu sein. Das ist das eigentliche Risiko. Nicht das Wasser. Die Langsamkeit, mit der es kommt, und die Gleichgültigkeit, die diese Langsamkeit erzeugt.
Ich bin achtzig. Ich werde nicht erleben, was aus diesen Poldern wird. Aber ich habe morgens auf diese flache grüne Landschaft geschaut, habe gewusst, was darunter liegt — ehemaliger Meeresgrund, gehalten von Pumpen und Deichen und politischem Willen. Und genau diesen politischne Willen brauchen wir jetzt, um unsere Zukunft auf diesem zurückgekämpften Land sicher zu stellen – nicht nur in Holland. Denn wenn die Polkappen schmelzen, wird uns das Meer keine Gnade geben.
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Das hast du gut geschrieben, Bergis. Wir brauchen letztendlich Ehrfurcht vor der Natur.