Jumelage

oder wie aus alten (französischen und deutschen) Feinden Freunde und Verbündete wurden.

Der aus meiner Sicht schockierende Bericht des Spiegels über „Bürger aus Saint-Malo in der Bretagne, die nach Mecklenburg-Vorpommern reisen, um eine Städtepartnerschaft (Jumelage) zu verabreden … und denen man dort die kalte Schulter zeigt“, hat mich bewegt, ein wenig zurück zu denken.

1955 wurde auf Betreiben der Juristin, Mäzenin und Tochter des Wetzlarer Industriellen Ernst Leitz II. Dr. Elsie Kühn-Leitz die Deutsch-Französische Gesellschaft Wetzlar e.V. ins Leben gerufen. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs wollte Elsie Kühn-Leitz gezielt Erbfeindschaften abbauen und die zivile Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich fördern.

Nach der Gründung setzte sich Frau Kühn-Leitz persönlich dafür ein, junge Menschen aus den Städten Avignon und Wetzlar zusammenzubringen. Bereits 1959 reiste die erste offizielle Wetzlarer Schülergruppe (Goetheschule und Freiherr-vom-Stein-Schule) nach Avignon, nachdem zuvor französische Jugendliche in Lahn-Dill-Gastfamilien empfangen worden waren. Der Austausch fand Jahre vor dem Elysee-Vertrag (1963) statt und galt als Modellprojekt für die deutsch-französische Jugendbegegnung. Von Anfang an lag der Fokus auf der privaten Unterbringung, um Alltag, Sprache und Kultur direkt im Familienkreis kennenzulernen. Die DFG Wetzlar organisierte und bezuschusste die ersten Fahrten in engen Kooperationen mit den jeweiligen Schulleitungen und den Kommunen.

Beim ersten Besuch der Wetzlarer Schüler*innen in Avignon konnte ich noch nicht dabei sein, aber im Jahr darauf. Und das hat mich nachhaltig beeinflusst! Es hat meine Liebe zu Frankreich gestärkt, die bereits bei meinem ersten Besuch in Paris 1959 geweckt worden war. Es hat Herz und Geist für „Andere“ und „Fremde“ geöffnet. Es hat meine Sprachkompetenz entwickelt, die mich später in das frankophone Afrika führen sollte. Und wir haben Toleranz und Verständnis über Sprachbarrieren und Ländergrenzen hinweg erfahren und gelernt.

Auf der Website der Stadt Wetzlar kann man heute lesen:

Wetzlar und Avignon – ein deutsch-französisches Miteinander

So erinnerte Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) an die spätere Ehrenbürgerin Wetzlars und Avignons, Elsie Kühn-Leitz, … auf deren Bestreben nicht nur die deutsch-französische Gesellschaft in Wetzlar entstand, sondern die auch mit einem Besuch in Avignon 1958 gemeinsam mit 300 Wetzlarerinnen und Wetzlarern den Grundstein für die zwei Jahre später geschlossene Partnerschaft legte. „Es war ihr ein Herzensanliegen, durch die Gründung von Städtepartnerschaften, den alten Hass zu überwinden, Brücken zu bauen und Freundschaften zwischen den Menschen zu ermöglichen, die das Miteinander des französischen Volkes und des deutschen Volkes so bestärken, dass man nicht mehr in die alten Muster des Gegeneinanders zurückfällt“, so Wagner. „Diese Partnerschaft ist keine bloße Formalität, sie ist eine Geschichte von Begegnungen, Austauschen und aufrichtigen Freundschaften“, lobte der erste stellvertretende Bürgermeister Avignons, Claude Nahoum, die Partnerschaft beider Städte, die noch vor dem Élysée-Vertrag, der Aussöhnung Frankreichs und Deutschlands 1963, zustande kam.

und heute? hat ein Bürgermeister von Stralsund keine Zeit, die Städtefreundschafter*innen aus St.Malo zu empfangen

»Wann treffen wir denn den Bürgermeister?«, fragt Sylvie Robin. Sie hat fest vor, den Stralsunder Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) zu überzeugen. Sie hat auch ein Geschenk für ihn dabei, einen Bildband: »Verstecktes Saint-Malo«. Das soll Badrows Neugier wecken. »Wir treffen ihn nicht«, antwortet Nils Spiering kleinlaut. »Er hat keine Zeit.«

Das ist für die Jumelage-Pioniere ein kleiner Schock. Zumal nicht nur Badrow keine Zeit für sie hat – sondern gar niemand bei der Stadt. Einen roten Teppich hatten sie nicht erwartet. Solch eine Abfuhr aber auch nicht.

Wir wollen von den Vorteilen eines geeinten Europas profitieren – nein, wir profitieren ständig davon – und dann haben wir „keine Zeit“ für Freund*innen?


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3 Gedanken zu „Jumelage

  1. Verammt schade. Danke für den Bericht, Bergis.
    Wir fahren oft nach McPom an die Ostsee.
    Vielleicht schreibe ich mal ne Mail dahin
    Du weisst, Bergis, wie wichtig mir Frankreich ist, und wie ich es liebe.
    GLG Peter

  2. Nicht möglich, das mit Stralsund! Ich glaube, ich spinne (was mir allerdings in letzter Zeit öfters passiert). Alles scheint rückwärts zu gehen. Gerade diese Freundschaft mit Frankreich habe ich immer als eine der größten Leistungen nach dem Krieg II verstanden. Von „jeder Stoß ein Franzos“ hin zu vielfältiger Freundschaft. Ich beneide dich um diese Chance auch noch zu den Pionieren zu gehören. Bisher dachte ich, diese Entwicklung sei irreversible weil junge Leute mit diesen Erfahrungen gar nicht mehr anders denken können. Offenbar kommen die, die anders denken können, jetzt wieder aus ihren Löchern.

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