Süd-Sudan 1980
Adda war schon vor mir in Maridi. Vom Deutschen Aussätzigen Hilfswerk (DAHW) entsandt, hatte sie zwei Krankenschwestern in der Lepra-Arbeit abgelöst und machte regelmäßige Dorfbesuche in einer riesigen Region, die ganz Westen-Equatoria umfasste. Wenn sie sich den Dörfern näherte, wurde die Große Busch-Trommel geschlagen. Das „Telefon“ rief die Leprösen zum Sammelplatz.


Lepra – Aussatz
Eine „biblische“ Krankheit, die uns in Europa so weit entfernt scheint. Ja, es gab und gibt sie noch immer. Aber eigentlich ist Lepra wenig ansteckend, gut behandelbar und heute sogar vollständig heilbar. Lepra ist eine Krankheit der Armut und führt meist zur Stimagmatisierung, zur Ausgrenzung und Diskriminierung der Betroffenen. Neben den akut erkrankten Patient:innen ging (und geht) es um ganzheitliche, inklusive Maßnahmen, um die Lebensbedingungen der Leprösen nachhaltig zu verbessern.




Wenn Lepra rechtzeitig diagnostiziert wird, können all diese schrecklichen Auswirkungen und die soziale Ausgrenzung verhindert werden.

Natürlich waren diese Lepra-Touren oft nicht in einem Tag zu schaffen und mitunter waren die Fahrten in die abgelegenen Dörfer durchaus riskant. So wurde ich eines Abends sehr unruhig, da Adda nicht rechtzeitig von ihrer Tour zurück kam. Blöderweise hatte ich mir gerade eine Malaria gefangen und konnte nicht selbst nach ihr suchen. Also schickte ich unseren „Chef-Fahrer“ Taban los. Doch der kam am nächsten Tag unverrichteter Dinge und mittlerweile auch fieberkrank zurück. Ja, in Mundri hatten die Missionare sie am Tag zuvor durchkommen sehen, aber danach nichts mehr von ihr gehört. Ich wusste auch nicht genau, in welche Dörfer sie fahren wollte, nur dass es Richtung Tali Post und darüber hinaus ging. Also in sumpfiges Gebiet. Also machten wir den Unimog fertig und ich übernahm selbst das Steuer. Da unser zweiter noch recht unerfahrener Fahrer mit Adda unterwegs war, musste der kranke Taban leider mit, weil ich jemanden zum Übersetzen brauchte. In Mundri erhielten wir die gleichen Neuigkeiten wie zuvor. Niemand hatte mehr etwas von Adda gehört. Also fuhren wir weiter nach Tali Post, und tatsächlich erfuhren wir hier von jemandem, der gerade mit dem Fahrrad gekommen war, dass er gestern einen Landrover gesehen hatte, der Richtung Jabor gefahren war. Das musste sie sein. Was war nur passiert? Nun, wir fuhren also weiter und in das Sumpfgebiet des Yei-River hinein.

Es hatte in der Nacht geregnet, die Piste wurde immer schwieriger und letztendlich errreichten wir einen Knüppeldamm, den wir nur erahnen konnten, da alles unter Wasser stand. Vorsichtig fuhr ich ca. drei bis vier Kilometer weiter, immer darauf achtend, nicht von dem schmalen Weg abzukommen. Und dann sahen wir sie. Ein Landrover kam uns auf der Strecke entgegen.
Anhalten konnten wir nicht, mein Unimog war zwar hoch genug, dass der Motor über dem Wasser stand. Aber Addas Landrover war bis zur Kühlerhälfte unter Wasser. Langsam, ganz langsam musste ich mit dem Unimog die vier Kilometer auf dem Damm rückwärts gefahren – der Schweiß lief mir in Strömen, Adda folgte im 10 km/h Tempo. Ein Lenkfehler und wir wären im Sumpf versunken. Aber das Glück war mit uns. Es ging alles gut, und in der Nacht waren wir wieder in Maridi.
Adda wäre wohl auch ohne unsere Hilfe zurückgekommen, aber sie hatte „heiße Stunden“ hinter sich:
Adda’s Bericht:
Das stimmt! Edward, mein Fahrer, musste an dem Tag woanders arbeiten, Bergis stellte mir Charles, den obengenannten noch nicht sehr erfahrenen Mitarbeiter, zur Verfügung. Außerdem begleitete mich an dem Tag mein fachlicher Vorgesetzter, ein vom DAHW angestellter ägyptischer Arzt. Wir kamen nicht besonders gut miteinander aus, hatten wohl unterschiedliche Vorstellungen über die Rolle der Frau. Zuerst ging alles gut, wir besuchten die geplanten Gesundheitsstationen, hatten am Ende nur noch einen Halt vor uns. Dann passierte es, wir mussten eine – nicht allzu tiefe – Furt durchqueren. Wir steckten fest, Charles machte es durch diverse Vor- und Rückwärtsversuche nur noch schlimmer. Wir kamen da nicht mehr raus. Es blieb nur die Übernachtung im Auto!
Die Frau, die wir unterwegs mitgenommen hatten, ging dann zu Fuß weiter, wir anderen schliefen eher schlecht als recht. Am nächsten Morgen gab es drei Optionen: Charles nach Tali Post zurückschicken, dies bedeutete, ich müsste stundenlang mit meinem (ungeliebten) Vorgesetzten im Auto allein bleiben. Ihn schicken konnte ich nicht, also habe ich mich auf den 28 km entfernten Fußweg gemacht. Unterwegs kam ich nach halber Strecke durch ein kleines Dorf, wo mir ein Mann sehr freundlicherweise sein Fahrrad lieh und – nicht ganz sauberes – Wasser anbot. So kam ich dann nach mehreren Stunden Fuß- und Radweg bei den Missionaren an, die mich sehr freundlich aufnahmen und sich bereit machten, eine Rettungsaktion zu starten. Gerade mal 2 Minuten waren sie unterwegs, als auch Charles mit dem endlich wieder flott gemachten Landrover ankam. Nach einer Verpflegungspause sind wir dann endlich Richtung Heimat aufgebrochen, allerdings habe ich das Steuer übernommen.

Adda hatte auch Glück mit ihrem Haus. Der Compound des DAHW lag direkt neben dem Camp einer deutschen Straßenbau-Firma, die die Straße / Piste von Juba nach Yambio neu baute. Die hatten natürlich Wasser und Strom im Überfluß und hatten netterweise den DAHW-Compound an das System angeschlossen.




Die Kleinflugzeuge brachten uns Proviant und Besucher. Und nur mit ihnen konnten wir nach Nairobi, Kenia, (und weiter nach Eurpa) reisen. Die offizielle Flugverbindung über Juba nach Khartoum war unzuverlässig und oft gar nicht vorhanden.
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