Bad Hersfeld — eine Ruine, die mitspielt

Bad Hersfeld ist eine jener mittelgroßen hessischen Städte, die man von der Autobahn aus nur als Ausfahrtschild kennt. Das ist ungerecht.

Die Altstadt hat Substanz — Fachwerk, einen weitläufigen Marktplatz, die Fulda im Rücken. Keine Hochglanztouristik, keine inszenierten Altstadtgassen. Einfach eine Stadt, die funktioniert und dabei zufällig hübsch ist.

Die Ruine, die größer ist als erwartet

Die Stiftsruine geht auf eine Einsiedelei zurück, die 736 gegründet wurde — Bischof Lullus von Mainz machte daraus zwischen 769 und 775 ein Benediktinerkloster. Im Mittelalter war das Kloster ein bedeutender Handelspunkt an der Via Regia, der großen Handelsstraße von Paris nach Krakau. Macht man sich das bewusst, steht man plötzlich nicht mehr vor einer lokalen Sehenswürdigkeit, sondern mitten in europäischer Geschichte.

Zerstört wurde die Stiftskirche 1761 im Siebenjährigen Krieg — französische Truppen zündeten beim Abzug ihre eingelagerten Vorräte an, das Feuer griff auf die Kirche über. Kein heroisches Ende. Nur die übliche Gleichgültigkeit des Krieges gegenüber dem, was Menschen gebaut haben.

Was blieb, ist trotzdem gewaltig. Die Stiftsruine gilt als die größte romanische Kirchenruine Europas. Man steht davor und glaubt es nicht — bis man anfängt zu messen mit den Augen, wie weit die Mauern reichen, wie hoch sie noch stehen.

2013 waren wir schon einmal hier — damals wegen der Festspiele. Auf dem Programm stand Lessings Nathan der Weise. Man sitzt in einer Ruine aus dem 11. Jahrhundert, der Himmel über einem, die Mauern ringsum, und auf der Bühne predigt ein jüdischer Kaufmann im mittelalterlichen Jerusalem Vernunft und Toleranz. Das Stück ist von 1779 – und ist doch soo aktuell!

Ich erinnere mich noch genau an diesen Abend — die Akustik, das Licht, das langsam aus den Steinen wich. Theater in einem solchen Rahmen funktioniert anders als im geschlossenen Saal. Die Ruine ist kein Dekor. Sie ist Mitspielerin.

Unsere Enkelin wohnt seit drei Monaten in Bad Hersfeld — und ihre Wohnung hat Blick auf die Stiftsruine. Direkt. Man sitzt beim Frühstück und schaut auf Mauern aus dem 11. Jahrhundert. Und im August, bei den berühmten, alljährlichen Festspielen wird sie wohl life dabei sein – zumindest akustisch!

Wir haben um die Ecke beim „Zum Mückenstürmer“ (s.unten) lecker zu Mittag gegessen, sind durch die Innenstadt gelaufen, haben geredet.

Im Katharinenturm neben der Ruine hängt die älteste gegossene Glocke Deutschlands — die Lullusglocke aus dem Jahr 1038. Sie wird nur dreimal im Jahr geläutet: Ostern, Pfingsten, Weihnachten. Wir haben sie nicht gehört.

Aber allein zu wissen, dass sie da hängt, seit fast tausend Jahren, während ringsum Kriege kamen und gingen, Klöster brannten und Städte wuchsen — das ist genug.

Ach ja — einen Spitz-Namen haben die Bad Hersfelder auch. Sie heißen Mückenstürmer. Warum? Im Jahr 1674 sahen besorgte Bürger eine riesige dunkle Wolke über dem Stadtkirchturm aufsteigen. Feuer! Man griff die Löscheimer, stürmte die 222 Treppenstufen hinauf — und fand oben keinen Brand, sondern einen Mückenschwarm.

Der Spitzname klebte. Und klebt bis heute — mit solchem Stolz, dass die Stadt 2024 das 350-jährige Jubiläum dieser Blamage mit einem großen Stadtfest gefeiert hat.

Das nenne ich Selbstironie. Davon könnten sich andere eine Scheibe abschneiden.


Entdecke mehr von Dr. Bergis Schmidt-Ehry

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

One thought on “Bad Hersfeld — eine Ruine, die mitspielt

Kommentar verfassen