Maridi 1

Süd-Sudan 1979-1980

Marktszene in Maridi

Im „Headquarter der Anya-Nya“

Als ich in Maridi ankam, fand ich dort ein (sehr) großes Haus vor – mit einem Bett und sechzig Kisten Tusker-Bier. Mein elsässischer Projektleiter hatte Vorsorge getroffen.

Erst viel, viel später erfuhr ich, dass ich hier im früheren Machtzentrum der Anya-Nya-Bewegung „residieren“ sollte. Das Anwesen auf dem Hügel war „headquarter“ der Bewegung gewesen.

Anya-Nya

„Schlangengift“

Die Geschichte des Südsudan ist geprägt von jahrzehntelangem Widerstand gegen politische Marginalisierung, kulturelle Unterdrückung und militärische Gewalt durch die sudanesische Zentralregierung. Eine der wichtigsten Kräfte dieses Widerstands war die Anya‑Nya‑Bewegung, die im Ersten Sudanesischen Bürgerkrieg (1955–1972) zur zentralen militärischen und politischen Stimme des Südens wurde. Ihr Erbe reicht weit über das Kriegsende hinaus und bildet einen Grundpfeiler der südsudanesischen Identität.

Nach der Unabhängigkeit Sudans 1956 sahen sich die Bevölkerungsgruppen im Süden zunehmend politisch ausgeschlossen.

Die arabisch dominierten Regierungen in Khartum:

  • brachen Autonomie‑Versprechen,
  • ersetzten lokale Verwaltungen durch nordsudanesische Beamte,
  • unterdrückten kulturelle und religiöse Ausdrucksformen des Süden.

In dieser Atmosphäre wuchs der Widerstand. Aus verstreuten lokalen Aufständen formierte sich schließlich die Anya‑Nya, benannt nach dem Wort für „Schlangengift“ in der Sprache der Azande.

Die Anya‑Nya war keine klassische Armee, sondern ein Netzwerk regionaler Guerillagruppen. Ihre Stärke lag in:

  • lokaler Verankerung,
  • hoher Motivation der Kämpfer,
  • Kenntnis des Terrains,
  • Unterstützung durch die Bevölkerung.

Allerdings gelang es erst Anfang der 1970er Joseph Lagu, die verschiedenen Fraktionen unter einem Dach zu vereinen. Damit wurde die Anya‑Nya erstmals zu einer politisch handlungsfähigen Bewegung, die mit Khartum verhandeln konnte. Der (Erste) Bürgerkrieg endete mit dem Addis‑Abeba‑Abkommen. Der Süden erlangte eine weitreichende Autonomie und viele Anya‑Nya‑Kämpfer wurden in die sudanesische Armee ntegriert. Für viele Südsudanesen war dies der erste Moment, in dem ihre politischen und kulturellen Rechte offiziell anerkannt wurden.

Während der ersten Anya-Nya- Bewegung (1955-1972) war Maridi zwar nicht die politische Hauptstadt der Bewegung, aber – da die sudanesische Zentralregierung zeitweise die Kontrolle über Mundri, Yambio und Maridi verloren hatte – ein wichtiges Machtzentrum.

Entsprechend war das Krankenhaus von Maridi über viele Jahre das zentrale medizinische Rückgrat der Region im Südwesten des Südsudan.

Krankenhaus Maridi (Quelle: Dr. Lyle Conrad, USCDCP on Pixinio)
Weg zum Krankenhaus (links), 1980

Weltweite Bekanntheit erlangte das Krankenhaus 1976 durch den Ausbruch eines schweren hämorrhagischen Virusfiebers. Die Krankheit wurde 1977 erstmals durch Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instututs beschrieben und nach dem Ort des Geschehens benannt – Maridi‑Fieber. Klinisch ähnelte es Ebola‑ und Marburg‑Fieber, zeigte jedoch immunologische Besonderheiten, die auf einen eigenständigen Erreger hinwiesen. Die Symptome reichten von hohem Fieber und Durchfällen bis zu schweren Blutungen. Insgesamt wurden rund 240 Fälle mit einer Sterblichkeit von über 50 % beschrieben. Obwohl Fledermäuse in Verdacht gerieten, wurde ein tierisches Reservoir nie eindeutig identifiziert. Besonders betroffen war das Krankenhaus, wo sich das Virus durch ungeschützte Pflege und wiederverwendete Injektionsnadeln rasch verbreitete. Von 213 Infizierten waren hier 115 gestorben.

Der Ausbruch gilt heute als eines der weniger bekannten, aber epidemiologisch wichtigen hämorrhagischen Fieberereignisse in Ost‑Zentralafrika – zeitlich eng verknüpft mit den Ebola‑Ausbrüchen in Nzara und Yambuku.

Der Krankenhaus-Komplex heute (Quelle: Google Earth, 2026)

Bevor ich mich um den Wiederaufbau der dezentralen Gesundheitseinrichtungen kümmern konnte, war es wichtig, das Vertrauen der einheimischen Kollegen zu erringen. Sie mussten verstehen, dass ich nicht nur ein „Planer“ war, sondern ein „richtiger“ Arzt. Also half ich in der Chirurgie aus und erteilte Schwestern- und Hebammen-Unterricht am Krankenhaus.

Unterricht für Pfleger (Nurses)

Aber auch wenn ich hier mitten im afrikanischen Busch gelandet war, war das Leben doch recht angenehm. Nach wenigen Wochen wurde für mein Haus ein Generator installiert. Ein Wasser-Reservoir und einen Brunnen hatte das technische Team schon vorher angelegt. Meine Zarges-Kisten mit unschätzbarem Proviant trafen ein und nachdem ich eine Weile auf einer dieser Kisten mein Mittagessen eingenommen hatte, nahm auch die Möblierung mit einheimischen Möbeln Gestalt an.

Villa auf dem Berg
Gäste auf der Terasse.

Eine Besonderheit des Hauses war die vorgelagerte Toilette. Zu Erreichen über einen überdachten Terassenweg, ging es 10 Stufen in die Höhe und man saß dann auf erhöhtem Thron mit Rundumblick. Das Plumpsklo musste nämlich erhöht gebaut werden, da man die Grube nicht in den Boden graben konnte. Der war aus nacktem Fels…

Blick ins Tal

Und in Maridi lernte ich Adda (richtig) kennen. Unsere erste Begegnung hatten wir ja am Bussere-River bei Wau – aber das ist eine andere Geschichte.


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