Der Jonglei‑Kanal

Ein Schnitt durch das Herz des Sudd

Es gibt Orte, an denen die Politik nicht in Reden, sondern in Landschaften eingeschrieben ist. Der Jonglei‑Kanal im Südsudan gehört zu ihnen. Auf der Karte wirkt er wie ein sauber gezogener Strich, ein technokratischer Eingriff in ein uraltes Feuchtgebiet. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Dieser Strich ist eine Narbe. Und wie jede Narbe erzählt er eine Geschichte von Gewalt, Hoffnung, Macht und Widerstand.

Der Sudd – eines der größten Binnenfeuchtgebiete der Erde – war für die Menschen in Jonglei und Upper Nile nie nur ein geografischer Raum. Er war Lebensgrundlage, Schutzraum, Identität. Ein Labyrinth aus Papyrus, Wasserwegen und saisonalen Weiden, das die Hirtenvölker der Dinka, Nuer und Shilluk seit Jahrhunderten ernährte.

Für Ägypten hingegen war der Sudd vor allem eines: ein Hindernis. Ein Ort, an dem Nilwasser „verlorenging“, verdunstete, statt die Felder des Nordens zu speisen.

In den 1970er Jahren trafen diese beiden Welten aufeinander. Khartum und Kairo beschlossen, den Fluss zu begradigen – und damit die Geschichte des Südens umzuschreiben. Der Jonglei‑Kanal sollte das Wasser schneller nach Norden leiten, Milliarden Kubikmeter jährlich. Für Ägypten ein Segen. Für den Süden ein Risiko, das niemand ernsthaft mit ihm besprach.

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360 km lang sollte der Kanal werden – und die massive Nilwasserverdunstung im Sudd verhindern. Mit unabsehbaren ökologischen Folgen. (Quelle: wiki commons: H. Braxmeier)

1978 begannen die Bauarbeiten. Ein gigantischer französischer Schaufelbagger, „Cutter Suction Dredger“, fraß sich 250 km durch das Sumpfland. Dörfer sahen zu, wie der Boden unter ihnen verschwand, wie traditionelle Wanderwege durchschnitten wurden. Die Regierung in Khartum versprach Modernisierung, Entwicklung, Fortschritt. Doch in den Dörfern entlang der Baustelle hörte man andere Worte: Verlust, Enteignung, Misstrauen.

Der Kanal wurde zum Symbol einer alten politischen Logik: Entscheidungen über den Süden wurden im Norden getroffen. Und die Menschen, die mit den Folgen leben mussten, hatten keine Stimme.

Als 1983 der Zweite Bürgerkrieg ausbrach, änderte sich die Bedeutung des Kanals erneut. Für die Sudanese Peoples Liberation Army (SPLA) wurde er zum strategischen Ziel – nicht aus technischer, sondern aus politischer Notwendigkeit. Der Kanal stand für die Marginalisierung des Südens, für die Allianz zwischen Khartum und Kairo, für ein Projekt, das den Süden schwächte, um den Norden zu stärken. 1984 griffen SPLA‑Einheiten die Baustelle an und zerstörten Maschinen und Lager. Der Bagger verstummte. Seit dem rostet einer der größten Schaufelbagger der Welt, vor sich hin.

Der aufgegebene Bagger, Sarah oder Lucy genannt. (Quelle: wiki commons: USAID)

Der Kanal blieb unvollendet – ein offener Schnitt im Land.

Das ökologische Gleichgewicht des Sudd-Gebiets wurde vorläufig nicht zerstört.

Heute, Jahrzehnte später, ist der Jonglei‑Kanal mehr als ein Relikt. Er ist ein Prüfstein. Für die Frage, wem der Nil gehört. Für die Frage, wie Entwicklung definiert wird. Für die Frage, ob ein unabhängiger Südsudan seine eigenen Prioritäten setzen kann – oder ob alte hydropolitische Abhängigkeiten fortbestehen.

Ägypten drängt weiterhin auf die Fertigstellung. Südsudan zögert. Zwischen den Zeilen dieser Debatte steht eine Erkenntnis, die selten laut ausgesprochen wird: Wasser ist Macht. Und wer den Fluss kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.

Der Jonglei‑Kanal ist kein technisches Projekt. Er ist ein politisches Projekt, verkleidet als Ingenieurslösung. Ein Projekt, das zeigt, wie tief Infrastruktur in die Identität eines Landes eingreifen kann. Und wie sehr ein Strich auf der Karte zu einem Symbol werden kann – für Widerstand, für Selbstbestimmung, für die Frage, wer über das Land entscheidet.

Vielleicht wird der Kanal eines Tages fertiggestellt. Vielleicht bleibt er ein Mahnmal. Doch eines ist sicher: Seine Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben. Sie fließt weiter – wie der Nil selbst.


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