Die Befreiung Wetzlars 1945

Die meisten Deutschen fühlten sich geschlagen, der Rest Europas fühlte sich befreit. Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich im Westen Deutschlands die Erkenntnis durchsetzen konnte, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war. Der jüngst verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker erklärte zum 40. Jahrestag des Endes des zweiten Weltkriegs, dass dieser Tag für die Deutschen kein Tag der Niederlage, sondern ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gewesen sei. Für Wetzlar kam diese Befreiung bereits am 29.März 1945.

Dieser Artikel greift auf Quellen Wetzlarer Autoren zurück. Besonders lesenswert ist der Aufsatz von Andreas Wiedemann in Heft 33 der Schriftenreihe des Wetzlarer Geschichtsvereins „Wetzlar von 1945 -1949

Von Dr. Schmidt-Ehry, Ernt Richter

Während des Krieges war die Industrie-Stadt Ziel mehrerer schwerer Bombenangriffe, die besonders den Stadtteil Niedergirmes und das Bannviertel trafen. Rund 3600 Bomben wurden zwischen Mai 1944 und März 1945 über Wetzlar abgeworfen. Dabei starben 580 Menschen, 4642 Gebäude wurden zum Teil schwer beschädigt, 349 total zerstört, 4480 Menschen wurden obdachlos.

Dass es nicht noch mehr Tote und Schwerverletzte gegeben hat, war den zahlreichen Tiefkellern, Bunkern und Schutzgräben in der Stadt zu danken. Doch nicht alle Mitbürger konnten die relative Sicherheit von Bunkern und Schutzgräben nutzen. So wurde die kleine Gisela Best – die spätere langjährige Stadtverordnete Gisela Jäckel – und ihre jüngere Schwester Ilse in Büblingshausen mit den Worten „Judenmädchen haben hier nichts verloren“ aus dem Splitterschutzgraben verjagt und konnten sich nur im Gebüsch vor den vom Garbenheimer Güterbahnhof heran jagenden Tieffliegern verbergen. Und die ca. 4000 zu diesem Zeitpunkt in Baracken auf dem Dillfeld, der Lahninsel und im Bannviertel untergebrachten Zwangsarbeiter waren den Angriffen gar völlig schutzlos ausgesetzt. Mindestens 62 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene starben bei den Luftangriffen, viele wurden verletzt.

Die letzten Kriegstage waren von der Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung einerseits und von den Durchhalteparolen der Führung andererseits gekennzeichnet. Obwohl eine wirksame Verteidigung Wetzlars nicht mehr möglich war, da die meisten hier stationierten Wehrmachtseinheiten bereits abgezogen worden waren, wurden Panzersperren und Schützengräben angelegt und der Volkssturm zu den Waffen gerufen. Den Kommandanten war befohlen worden, die Stadt auf jeden Fall bis zum Erhalt anderslautender Befehle zu verteidigen. In einem Telefongespräch mit dem Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, sicherte der Kreisleiter der NSDAP, Wilhelm Haus, diesem zu, „Wetzlar bis zur letzten Patrone zu verteidigen“.

Am 15.Februar hatte Sprenger noch eine menschenverachtende Geheimanweisung an alle Kreisleiter erlassen: „1. Jeder Volksgenosse muss einer strengen Kontrolle betr. seiner politischen Festigkeit und Willenskraft unterzogen werden. 2. Werden bei dieser Kontrolle Schwächlinge entdeckt, d.h. Vg.(Volksgenossen, Anm. der Verfasser), die innerlich evtl. den Gedanken haben oder haben könnten, der Krieg geht verloren für uns, oder wir hören doch am besten auf zu kämpfen usw., so sind diese Vg. wieder mit neuer Kraft zu stärken und ihnen wieder der Glaube an Adolf Hitler zu wecken. 3. Werden Vg. festgestellt, die verbreiten, dass der Krieg für uns verloren sei, und wenn wir kurz davor stehen, so ist mit allen Mitteln diesem Gerücht entgegenzuarbeiten. Die Herren Kreisleiter wollen sich diese Vg. melden lassen und wollen je nach der Lage des Gerüchtes bei der Gauleitung die Verhaftung durch die Gestapo beantragen. Ich halte hier und da eine Verhaftung oder die Zuführung einiger Vg. ins KZ als die geeignetste Maßnahme zur Beseitigung der Gerüchteverbreiter…7. Ich gebe hiermit den Befehl, Vg., die sich bei Annäherung des Feindes nicht verteidigen oder die Flucht ergreifen wollen, rücksichtslos mit der Waffe niederzuschießen oder wenn es angebracht ist, zur Abschreckung der Bevölkerung – mit dem Strang – hinzurichten.“

Schon am 27.März kann man vom Wetzlarer Domturm aus beobachten, wie die amerikanische Armee im Kreisgebiet vorrückt. Nachdem von anrückenden amerikanischen Panzern im Westen der Stadt erste Schüsse auf Wetzlar abgegeben werden, setzen sich die meisten der verbliebenen deutschen Truppen ab, auch große Teile des Volkssturms, von denen die meisten SA-Männer sind.

Eben zu dieser Zeit erteilt Kreisleiter Haus bei der Inspektion von Panzersperren in Garbenheim den Befehl, den Landwirt Beppler zu erschießen, da der gerade dabei war, über seinem Anwesen eine weiße Fahne zu hissen. Da der mit der Erschießung beauftragte Volkssturmmann (willentlich) daneben schießt, nachdem Haus weiter gefahren ist, überlebt Beppler.

Jakob Sauer in Wetzlar hingegen entgeht seinem tragischen Schicksal nicht. Er wird verhaftet, weil er an seinem Haus ein Pappschild angebracht hatte mit der Aufschrift »Schütze mein Haus, wir sind keine Nazis, wir begrüßen die Befreier«. Während Sprenger bereits am 25. aus Frankfurt geflohen war und der NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus in Wetzlar seine Flucht vorbereitet, wird Sauer in den Befehlsbunker des Kreisleiters im Hausertorstollen gebracht. Telefonisch setzt sich Haus mit Sprenger in Verbindung und bittet um die Genehmigung, »einen Schuft hängen lassen zu dürfen«. Jakob Sauer wird im Befehlsstand des Gauleiters standrechtlich zum Tod durch Erhängen verurteilt. Noch am gleichen Tag lässt Haus das Urteil an einem Baum auf dem Wetzlarer Friedhof vollstrecken. Vier Stunden später flieht er in Richtung Niedersachsen.

Vom Abend eben dieses 27. März berichtet der Zeitzeuge Rudolf Mohr in seinen „Erinnerungen an Schule und Studium“: „Vor dem Eintreffen der Amerikaner ereignete sich in dem Hauptstollen des Niedergirmeser Steinbruchs noch eine dramatische Szene. Lehrer Freitag in seiner Eigenschaft als Volkssturmführer verlangte von den im Stollen anwesenden Männern – alles ältere Semester oder Kranke –, sie sollten von dem im Stollen lagernden Dynamit entsprechende Mengen in die Stadt schaffen und damit die Brücken über die Lahn sprengen. Die angesprochenen besonnenen Männer wussten, dass damit der Vormarsch der Amerikaner und der Sieg der Alliierten nicht verhindert, nicht einmal verzögert werden konnte, aber das Leben in dem ohnehin schwer zerstörten Wetzlar unnötig erschwert und beeinträchtigt würde. Also verweigerten sie diesem unsinnigen Befehl den Gehorsam. Es kam zu einem kurzen, aber heftigen Wortwechsel, wobei mein Vater von dem Lehrer direkt angesprochen, sich kurz und drastisch des berühmten Götzzitates bediente.“

Tatsächlich werden die Brücken über Lahn und Dill nicht gesprengt. Vielleicht, weil der mit der Sprengung beauftragte Pionieroffizier, Fritz Hose, den Befehl nicht ausführt, weil er ihn für sinnlos und für die Bevölkerung zu gefährlich hält. Vielleicht, weil Bergwerksdirektor Wilhelm Witte die von Kreisleiter Haus verlangte Lieferung von Sprengstoff verzögert. Vielleicht weil der Standortkommandant, Wilhelm Brand, die geheimen Akten für die Sprengung der Brücken vernichtet, nachdem Kreisleiter Haus sich abgesetzt hat.

Am 28.März besetzt die 7.US Panzerdivision Niedergirmes und erreicht die Stadtgrenze von Wetzlar. Wetzlar ist jetzt von drei Seiten eingeschlossen.

Obwohl bereits am 28.3.1945 klar ist, dass Widerstand gegen die amerikanischen Truppen sinnlos geworden ist, leisten vereinzelte Soldaten der 6. SS-Gebirgsdivision, Reste der 12.Volksgrenadier-Division sowie ein paar verbliebene 16- und 17-jährige Fahnenjunker den vorrückenden Truppen noch heftigen Widerstand. Es kommt zu unnötigen Toten und Verletzten. In der Altenbergerstrasse werden zwei amerikanische Soldaten offensichtlich von Fahnenjunkern getötet, die als einzige versuchen, den dortigen Vormarsch aufzuhalten. Beim Artilleriebeschuss durch die vorrückenden Truppen wird eine Frau getötet und mehrere andere Zivilisten verwundet. In der Hermannsteinerstrasse beschießt ein Fahnenjunker einen herankommenden Panzer mit der Panzerfaust, zwei weitere amerikanische Soldaten verlieren dabei ihr Leben. Ein deutscher Soldat wird bei der Verteidigung der Bahnhofsbrücke schwer verletzt. Wenig später aber beenden Zivilisten, die eine hastig an einem Ast befestigte weiße Fahne mit sich führen, die sinnlose Aktion. Die Amerikaner rücken nun ungehindert vor. Am 29.März erfolgt im Befehlsbunker des Kreisleiters (im Hausertorstollen) die Übergabe der Stadt durch den Standortkommandanten Wilhelm Brand und den kommissarischen Bürgermeister Dr. Julius Schnorr. Wetzlar ist „den Feinden ausgeliefert“. Oder doch eher befreit. Die meisten Wetzlarer begrüßten das Kriegsende, wenn auch einige Unverbesserliche sich mit dem Ende des Nationalsozialismus nur schwer abfinden konnten. Für die mehr als 4000 Zwangsarbeiter/-innen brachten die amerikanischen Truppen das Ende oft jahrelanger Fron. Auch für die in Dalheim im „Durchgangslager (DULAG) Luft“ kriegsgefangenen alliierten Luftwaffenangehörigen gab es ein Aufatmen.

Für die spätere Wetzlarer Stadtverordnete Gisela Jäckel kam die Befreiung als 11-jähriges Kind buchstäblich in letzter Minute, um sie vor dem sonst sicheren Tod zu bewahren. Lag doch bei der NSDAP-Kreisleitung bereits ein Schreiben mit dem Befehl, sie und ihre jüngere Schwester Ilse für den Abtransport in ein KZ abzuholen. Sie erinnert sich, dass wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanische Soldaten kamen und  „nach dem Herrn Best, also meinem Vater, gefragt haben. Und die hatten ein Schreiben aus dem weißen Haus, in dem die NSDAP-Kreisleitung untergebracht war, und auf diesem Schreiben stand der Befehl, dass meine jüngere Schwester und ich auch abgeholt werden sollten – für den Abtransport in ein KZ. Gott sei Dank ist das nicht mehr zustande gekommen, ein Glück für uns!“ Gisela und Ilse waren „Halbjüdinnen“. Ihre Großeltern waren bereits 1941 von den Nazis vermutlich in das Vernichtungslager Majdanek abtransportiert worden. Ihre Mutter war 1943 nach Auschwitz verschleppt worden.

Nachdem die Hauptmacht der 3.Division der US-Army weitergezogen war, „blieb die Stadt in den Händen der Militärregierung“. Diese bestand aus einem Offizier und wenigen Mannschaftsdienstgraden, die allerdings bereits auf ihre Aufgaben vorbereitet worden waren und somit ihre Arbeit umgehend beginnen konnten. In einem bereits vorgedruckten Befehl wurde die Bevölkerung aufgefordert, „unverzüglich und widerspruchslos“ alle Befehle der Militärregierung zu befolgen. Die Polizeigewalt wurde zunächst von den Besatzungstruppen übernommen. Ab dem 14.4.1945 durften die deutschen Polizisten ihren Dienst wieder aufnehmen, aber keine Waffen tragen – auch keine Gummiknüppel.Nach der offiziellen Kapitulation Deutschlands am 8.Mai 1945 wurde von der Militärregierung am 20.5.1945 ein Aufbau-Ausschuss eingerichtet, dem Mitglieder einiger Parteien aus der Weimarer Republik angehören. In der konstituierenden Sitzung dieser „Zivilregierung“ wird am 22.5.45 ein Stadt-Ausschuss gebildet, dessen wichtigste Aufgabe die Wiedergutmachung an den Opfern des Nazi-Terrors und des durch die Nazis begonnenen Krieges war. In Wetzlar wurden im ersten Nachkriegsjahr insgesamt 137 Personen als verfolgt anerkannt, 105 von ihnen aus politischen, 25 aus rassischen und 7 aus religiösen Gründen. Andreas Wiedemann schreibt hierzu in seinem Aufsatz für den Wetzlarer Geschichtsverein „Wetzlar von 1945 – 1949“: „Die „politisch Verfolgten“ waren größtenteils wegen Hochverrat, Rundfunkverbrechen, Mitgliedschaft in der KPD oder wegen staatsfeindlicher Einstellung angeklagt worden. Unter denjenigen, die als „rassisch Verfolgte“ anerkannt wurden, waren 4 Juden, 16 hatten ein jüdisches Elternteil oder waren mit einem Juden bzw. einer Jüdin verheiratet gewesen. In einem Fall war „Judenbegünstigung“ als Grund der Verfolgung angegeben, die anderen 4 waren „Zigeunermischlinge“. Unter den „religiös Verfolgten“ waren 5 Bibelforscher, die von 1936 bzw. 1937 bis Kriegsende im KZ gesessen hatten.“

Leider muss davon ausgegangen werden, dass den Opfern diese Wiedergutmachung oft als Hohn erschienen sein muss. Gisela Jäckel, geb. Best, erhielt 1956 1000.- DM als Entschädigung für die im KZ Auschwitz getötete Mutter Rosa Best – und 210,75 DM für die ermordeten Großeltern, das Wetzlarer Ehepaar Lyon. Die meisten der in Wetzlar geknechteten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen konnten eine Wiedergutmachung nicht mehr erleben, da sich die Fraktionen des Bundestags erst 1998 darauf einigten, eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeit unter finanzieller Beteiligung der deutschen Wirtschaft einrichten zu wollen.

Auch wenn der speziell für den Dienst der Militärregierung in Wetzlar vorbereitete amerikanische  Sergeant Gottfried Neuburger seiner Aufgabe – besonders der  Entnazifizierung – mit großem Eifer nachging, konnten sich viele Nazi-Täter ihrer gerechten Strafe entziehen. Der ehemalige NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus wurde im Dezember 1948 vom Schwurgericht Limburg unter anderem wegen der ungerechtfertigten standrechtlichen Hinrichtung Jakob Sauers am Vortage des amerikanischen Einmarschs (wir berichteten in Teil 1) zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Davon galten drei Jahre bereits als verbüßt, da ihm die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Er fühlte sich „unschuldig verfolgt, da er fest an den Endsieg geglaubt und nur Befehle ausgeführt habe“.

Unteroffizier Kreutz, der Jakob Sauer verhaftet und seine Verurteilung und Hinrichtung herbeigeführt hatte, wurde am 11. August 1947 von der Spruchkammer Wetzlar als „Hauptschuldiger“ zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt. Aber 1948 hob das Berufungsgericht in Gießen das Urteil auf und erklärte ihn als „vom Gesetz nicht betroffen“.

Die anderen Beteiligten an der standrechtlichen Erhängung des Jakob Sauer wurden von der Spruchkammer Wetzlar mangels Schuld freigesprochen, da das Gericht keinen Beweis dafür erbringen konnte, dass ihnen die Ungesetzlichkeit des Standgerichtsurteils bekannt gewesen wäre.

Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich im Westen Deutschlands die Erkenntnis durchsetzen konnte, dass der 8. Mai 1945 ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ war. Hoffen wir, dass diese Erkenntnis für immer anhält.

Dieser Artikel erschien erstmals am 21. März und am 28.März 2015 in der Wetzlarer Neuen Zeitung.


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