Im November 1979 wollte ich eigentlich von Khartum nach Juba fliegen, um meinen neuen Posten als medizinischer Leiter des German Medical Team im Süd-Sudan anzutreten. Ich hatte mich im Gesundheitsministerium in der Hauptstadt des Sudan vorgestellt und die Erlaubnis zur Ausübung meiner Tätigkeiten erhalten.
Aber es gab keine Flüge nach Juba. Eine Eisenbahnverbindung gab es nicht und der Landweg war praktisch ausgeschlossen.
Aber der Zufall wollte, dass eine Delegation der Deutschen Botschaft, Repräsentanten des Deutschen Aussätzigen Hilfswerks (DAHW) und des sudanesischen Gesundheitsministeriums eine Maschine nach Wau in die Bar-El-Gazahl-Provinz gechartert hatten. Bei Wau sollte das vom DAHW errichtete Lepra-Zentrum Agok formell an die sudanesische Regierung übergeben werden.
Ich ergatterte eine Mitflug-Gelegenheit…
Leprakranke und Menschen mit Behinderungen im Südsudan erlebten (und erleben) häufig Ausgrenzung und Stigmatisierung.



Als eines der ersten Hilfswerke überhaupt hat das DAHW nach dem ersten Unabhängigkeitskrieg (bis 1972) sich im Süden des damaligen Sudan beim Wiederaufbau des Gesundheitswesens und insbesondere in der Lepraarbeit engagiert. Neben der Arbeit in Fläche in den Provinzen Bar-El-Ghazal, West-Equatoria und Lakes wurde in Agok ein Lepradorf und ein modernes Lepra-Schulungszentrum aufgebaut.






















Leider würden die großen Hoffnungen enttäuscht werden.
Sabine Ludwig schreibt 2013:
„Anfang der 1970er Jahre wurde die komplette Anlage als bedeutendes Lepra-Schulungszentrum gebaut. Viele deutsche Entwicklungshelfer gingen hier ein und aus. 1979 wurde es an die sudanesische Regierung übergeben. Auf Wunsch dieser waren die Mitarbeiter der DAHW weiterhin aktiv, denn ihr Know how war gefragt. Mitte der 1980er Jahre kam der Krieg und alles änderte sich. Heute ist von der einst blühenden Anlage nicht mehr viel übrig. Die Treibstofftanks und Zapfsäulen verrotten ebenso wie die Generatoren, die einst angeschafft wurden. Zum Schutz der Gebäude, die 2009 von der lokalen Universität renoviert wurden, hat man Familien einquartiert, um Diebstahl zu verhindern. Zu viele Materialien, wie Deckenplatten, Lampen und Kabel, wurden schon unter der Hand weggeschafft.“
und:
„Wir sehen uns das Gelände an und können die einstige Schönheit nur erahnen. Agok war immer ein Vorzeigemodell gewesen. Die Mitarbeiter und Partner waren stolz auf dieses Projekt. Der Krieg ist vorüber, Südsudan mausert sich zum eigenen Staat. Wir werden sehen, was in der Zukunft aus Agok wird!“
Leider wurden auch diese Hoffnungen enttäuscht.
Die Lepra-Kolonie existiert noch – das Zentrum nicht mehr!
Agok ist heute eine vernachlässigte Siedlung von Menschen mit Behinderungen, die ums Überleben kämpfen.
Da staatliche Unterstützung und internationale Hilfsgelder aufgrund der wirtschaftlichen Krise im Südsudan massiv zurückgegangen sind, mangelt es im Zentrum an fast allem:
Hunger: Es gibt Berichte über Todesfälle durch Unterernährung innerhalb der Lepra-Gemeinschaft, da die regelmäßigen Lebensmittelrationen weitgehend eingestellt wurden.
Infrastruktur: Viele der Rundhütten sind baufällig, bieten kaum Schutz vor Regen und es fehlt an Betten oder Möbeln. Die Wasserversorgung ist oft unterbrochen, da Handpumpen defekt sind.
Medizinische Versorgung: Da es kein funktionsfähiges Krankenhaus mehr direkt vor Ort gibt, müssen die Bewohner den weiten Weg nach Wau auf sich nehmen, was für Menschen mit körperlichen Behinderungen oft unmöglich ist.
Ein wenig sporadische Hilfe gibt es von Blauhelmsoldaten des UNMISS sowie des Franziskaner-Missionsschwestern aus Wau.
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