Er war der erste Afrikaner, den ich persönlich sah. Viele, viele sollten folgen. Aber das wusste ich damals noch nicht.
Mit eleganten Schritten eilte er aus der Steinschule zur schwarzen Limousine der Fa.Leitz. Patrice Lumumba, Befreiungskämpfer aus dem – damals noch belgischen – Kongo. Dunkelhäutige Menschen hatte ich in Wetzlar schon gesehen. Marokkanische Soldaten der französischen Besatzungstruppen, GIs der US Army, aber noch keinen Afrikaner.
Wie kam Patrice Lumumba, der spätere erste Minister-Präsident der Demokratischen Republik Kongo im Februar 1960 nach Wetzlar?
Dr. Elsie Kühn-Leitz, die sich nach dem Krieg für die Deutsch-Französische Verständigung engagierte und durch ihre Freundschaft mit Albert Schweitzer die französischsprachigen Kolonien Zentral-Afrikas kennengelernt hatte, setzte sich für ein verstärktes Engagement der Bundesrepublik Deutschland in diesen Ländern ein. Sie war eine der wenigen Westdeutschen, die bereits in den 50er Jahren den gesellschaftlichen Kontakt zu afrikanischen Politikern suchte. Auf einer Reise, die sie Mitte 1959 erstmals auch in den belgischen Kongo führte, war sie durch einen Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulats mit dem Führer des Mouvement National Congolais bekannt gemacht worden und hatte freundschaftliche Verbindungen mit ihm geknüpft.
Es gelang Ihr, ihn zum Überdenken einiger seiner bisherigen politischen Standpunkte und zu einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland zu bewegen.
Das war allerdings nicht ganz so einfach.
Direkt nach der Konferenz am Runden Tisch in Brüssel, auf der die Bedingungen der Dekolonisierung Belgisch-Kongos verhandelt wurden, reisten drei Funktionäre der belgisch-kongolesischen Partei Mouvement National Congolais in die BRD – trotz eines Verbots durch den belgischen Geheimdienst.
Organisiert von Frau Elsie Kühn-Leitz und mit Unterstützung der deutsch-französischen Gesellschaft Wetzlar fuhr einen Bus über die deutsch-belgische Grenze. Die Grenzer wollten um jeden Preis den Grenzübertritt verhindern. Aber Frau Kühn-Leitz – im Besitz bester Privatkontakte zur belgischen Staatselite – erreicht bereits nach wenigen Telefonaten, dass der Bus mit Patrice Lumumba, Victor Nendaka und Christophe Gracis an Bord weiterfahren konnte.
Von Wetzlar aus nahmen die drei Kongolesen Kontakt zur Deutschen Afrika-Gesellschaft, dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, sowie zu Vertretern der westdeutschen Privatwirtschaft auf, um um finanzielle und materielle Unterstützung durch die westdeutsche Wirtschaft für den anstehenden Wahlkampf zu bitten.
Im Gegenzug verpflichtete sich Lumumba gegenüber seinen westdeutschen Partnern schriftlich, seine Partei auf einem pro-westlichen Kurs zu halten.
Die Wetzlarer Neue Zeitung vom 26.Februar 1960 titelte zu dem Besuch: „Männer vom Congo in Wetzlar zu Gast“ und „das einzige Land in das {Lumumba} von Belgien aus kam war die Bundesrepublik, und was er von diesen sah, waren Wetzlar und das Land links und rechts der Straße.“
und:
{Lumumba}, der nicht ohne Grund von vielen der „Gandhi vom Congo“ genant wird.



Leider sollte aus der herzlichen Freundschaft zwischen den Völkern erst einmal nichts werden.
Zwar wurde Patrice Lumumba am 30. Juni der erste Minister-Präsident der Demokratischen Republik Kongo, doch schon bald sollte das Land im Chaos der Bürgerkriege versinken.
Während der belgische König Baudoin die Kolonisierung des Kongo als „Zivilisierungsmission“ pries, widersprach Lumumba auf der Übergabefeier diesem scharf und erinnerte an Unterdrückung, Ausbeutung und den Kampf der Kongolesen um Freiheit und Würde.
Damit hatte Lumumba sein Schicksal besiegelt, wenig Monate später wurde er aus dem Amt geputscht und im Januar 1961 ermordet. Die Beteiligung westlicher Geheimdienste dabei ist heute unumstritten!
Mein Vater hatte mir bereits als Zehnjärigem den Band 10 von Reisen und Abenteuer, Auszüge aus Stanleys „Im dunkelsten Afrika“, geschenkt. Nun war der Kontinent noch einmal deutlich näher gerückt. Lektüre über Stanley, Livingston und Albert Schweitzer fesselte mich in den folgenden Monaten. Und die nächsten Ferien sollten mich nach Paris in die Hauptstadt der Francophonie bringen.
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