Russlandfeldzug 4 von 6
In den Wetzlarer Kasernen wurde der Nachwuchs für die Front ausgebildet – oder richtiger: das Kanonnenfutter
Die deutschen Besatzer hatten innerhalb weniger Monate in Russland rund zwei Millionen der bis Ende 1941 gefangen gesetzten 3,35 Mio sowjetischen Soldaten an Auszehrung infolge ungenügender Essensrationen, mangelnder medizinischer Betreuung und fehlenden Schutzes vor Hitze und Kälte sterben lassen. Später wurden Kriegsgefangene ins Reich deportiert, um dort als Zwangsarbeiter Schwerstarbeit in der Rüstungsindustrie zu leisten. Die schlechte Behandlung sollte weiteren 1,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen das Leben kosten. Aber auch deutsche Soldaten fielen massenweise an der Ostfront oder kamen auf Todesmärchen in Russland und in den dortigen Gefangenenlagern um. Auch viele aus Wetzlar oder solche, die in Wetzlar ausgebildet worden waren.
Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter
Als die Nationalsozialisten mit der Wiederaufrüstung begannen, wurde Wetzlar 1934 zum dritten Male Garnisonsstadt und die Spilburg-Kaserne weiter ausgebaut. Zunächst zog die Landespolizei-Abteilung Potsdam hier ein, später Teile der 9. Infanterie-Division, die vorwiegend aus Soldaten des Wehrkreises IX bestand, der unter anderem die Wehrbezirke Marburg, Gießen und Wetzlar umfasste. Bereits am 1.Oktober 1934 hatten die Nationalsozialisten in Gießen den Stab dieser Division als „Infanterieführer V“ – eine Tarnbezeichnung bei der rechtswidrigen Erweiterung der Reichswehr – gebildet. Im November 1938 bezog das Dritte Bataillon des Infanterie-Regiments 116 dieser Division die Kaserne in der Spilburg und zog von hier 1939 in den zweiten Weltkrieg. Zunächst ging es an die Westfront und nach Frankreich, wo die Division bis 1940 im Wesentlichen als Besatzungsmacht verblieb.
Im März 1941 wurden die Soldaten in das Generalgouvernement in Polen verlegt, von wo sie ab Juni 1941 am Russlandfeldzug teilnahmen und sich an Kämpfen um Rostow, Kuban, Nikopol und am Bug beteiligten. Im Sommer 1944 wurde die Division schließlich in der Schlacht an der Beresina gänzlich zerschlagen, nachdem die Sowjet-Armee mit der „Operation Bagration“ die Offensive zur endgültigen Niederlage der Wehrmacht eingeleitet hatte. Wie viele Männer aus unserer Region bei den Kämpfen an der Ostfront das Leben gelassen haben wissen wir nicht, aber es waren Tausende. Viele gingen den leidvollen Weg in russische Gefangenschaft, andere gelten bis heute als vermisst. Junge Männer aus Wetzlar und dem Lahn-Dill-Kreis, die es an die Ostfront verschlagen hatte, starben zu Hunderten für „Führer, Volk und Vaterland“. Der „Führer“ beging später Selbstmord.
Das Volk ging beinahe unter. Das Vaterland wurde zerschlagen. Aber den größten Preis zahlten vorher noch diese jungen Männer. Sie starben auf dem Vormarsch wie Heinz Wilhelm Martin aus Steindorf und Karl Theodor Klapsch aus Hohensolms. Sie starben irgendwo in Russland wie der 19jährige Heinrich Wilhelm Schmid aus Ehringshausen. Sie starben sogar im eisigen Polarmeer wie der 20jährige Wilhelm W. Lukas aus Ehringshausen.
Die Produktion von „Kanonenfutter“ ging in Wetzlar auch während des Krieges weiter. So beherbergte die Spilburg-Kaserne zunächst ein Infanterie-Ersatz-Bataillon, vor allem aber diente sie der Ausbildung neuer Rekruten in Unteroffiziers-Vorschule, Unteroffiziersschule und zuletzt Infanterie-Fahnenjunker-Schule. Hierher erhielt am 5. Februar 1945 auch der junge Hugo Reinhart seinen Marschbefehl, der im September 1944 noch eiligst einberufen worden war. Die Wehrmacht brauchte ja Soldaten! In seinem Buch „Einer von denen war ich“ berichtet er später. „Ja, Hitler braucht Kanonenfutter!!!“ sagte sein Vater. Hier auf der Kriegsschule wurde am 6. Februar ein Regiment aufgestellt. Es bestand aus zwei Bataillonen und 2 Kompanien und hieß Fahnenjunker-Grenadier-Regiment 1242. Zusammengestellt war es aus Fahnenjunkern der Kriegsschule, jungen Soldaten der Wehrmacht und einer kleinen Gruppe vom Volkssturm. Nach Ausrüstung mit neuen Waffen wurde Hugo mit seinen Kameraden schon nach einigen Tagen in Waggons verladen und in einem langen Zug nach Osten verfrachtet. Das Regiment 1242 wurde der Panzergrenadier-Division Kurmark zugeschlagen, die in einem letzten Aufbäumen den Vormarsch der Sowjet-Armee aufhalten sollte.
Otto Kuchenbauer, einst begeisterter Hitlerjunge, berichtete, wie die 15- bis 16-jährigen Jungen und die alten Männer seiner Gruppe die Front im Bereich südlich von Küstrin halten sollte: „Nach einem ersten Vorstoß kam die Kompanie unter Dauerfeuer. Allein auf unseren Abschnitt feuerten die Russen rund 10.000 Granaten aus allen Kalibern ab. Danach wurden die deutschen Linien mit Panzern angegriffen. Neben mir lagen blutjunge Soldaten im Schützengraben, die heulten und riefen pausenlos nach ihren Müttern.“ Und wie beklemmend es war, „wenn der Kompaniemelder zu mir kam und berichtete, dass schon wieder einer gefallen war“.
Das von Hans-Wolfgang Schöne kommandierte II. Bataillon des Fahnenjunker-Grenadier-Regiments verteidigte das Gut Klessin mit 400 Mann für 300 Stunden erbittert. Für diese verwegene Tat erhielt er per Funkspruch das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Welch ein Zynismus! In der Nacht vom 21. auf den 22. März 1945 befahl Schöne den Rückzug. Nur noch 70 seiner erschöpften, abgekämpften, ausgebluteten, aber niemals wankenden Jungen lebten. Zum NS-Gegner geworden sagt Otto Kuchenbauer: „Das waren Lumpen und Verbrecher, die uns erst verführt und dann erbarmungslos in den Tod gehetzt haben“ und „Meine Generation hat leidvoll erfahren müssen, dass es keinen Krieg gibt, der die Probleme dieser Welt jemals würde lösen können.“
Am 29. März befreiten amerikanische Truppen Wetzlar. Die Reste der Panzergrenadier-Division „Kurmark“ schafften es, nach Jerichow an der Elbe auszubrechen, wo sie im Mai 1945 gegenüber den US-amerikanischen Truppen kapitulierten. Am Ende hatte der Zweite Weltkrieg fünfzig Millionen Menschen das Leben gekostet, alleine 25 Mio. in der Sowjetunion….
Dieser Artikel erschien erstmals am 8.Juni 2021 in der Wetzlarer Neuen Zeitung
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