Die Nazis „schenkten“ der Arbeiterschaft den „Tag der Nationalen Arbeit“, den arbeitsfreien 1. Mai – und zerschlugen zugleich die freien Gewerkschaften.
Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter
Vor 85 Jahren schien ein langersehnter Wunsch von Gewerkschaftlern und Arbeiter*innen durch Adolf Hitler in Erfüllung zu gehen. Die Nazis hatten den
1. Mai, traditioneller Festtag der internationalen Arbeiterbewegung, zum „Tag der nationalen Arbeit“ erklärt. Zum gesetzlichen Feiertag, arbeitsfrei unter Lohnfortzahlung! Wie lange hatten die Gewerkschaften – vergeblich – darum gekämpft? Und so hatte auch die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in ihrem Versuch, sich „friedenserhaltend“ mit den Nazis zu arrangieren, zur Teilnahme an den Feiern aufgerufen – mit der Begründung, am 1. Mai sei angeblich stets „das Bekenntnis der von leidenschaftlichem Kulturwillen beseelten deutschen Arbeiter“ erglüht, um den „werktätigen Menschen einem dumpfen Arbeiterdasein zu entreißen und ihn als freie, selbst-bewusste Persönlichkeit in die Gemeinschaft des Volkes einzuordnen“. Aber bei diesem Feiertag sollte mit Kundgebungen und Umzügen propagandawirksam nur eine vermeintliche Einheit von Nationalsozialisten und Arbeiterschaft demonstriert werden. In Wetzlar zum Beispiel organisierte der stellvertretende NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus »gewaltige Aufmärsche und Kundgebungen als würdiges Glied in der Kette der Maifeierlichkeiten im Deutschen Reich« wie der Wetzlarer Anzeiger titelte. Das böse Erwachen sollte schnell folgen.
Am 17. April hatte der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch notiert: „Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns. Man darf hier keine Rücksicht kennen. Wir tun dem Arbeiter nur einen Dienst, wenn wir ihn von der parasitären Führung befreien, die ihm bisher das Leben sauer gemacht hat. Sind die Gewerkschaften in unserer Hand, dann werden sich auch die anderen Parteien und Organisationen nicht mehr lange halten können. […] Ein Zurück gibt es nicht mehr. Man muss den Dingen nur ihren Lauf lassen.“
Im März 1933 war deutlich geworden, dass Adolf Hitler durch Betriebswahlen die Macht über die deutschen Arbeiter*innen nicht erlangen konnte. Die nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation (NSBO) hatte mit nur 11,7% eine krachende Niederlage erhalten. Daher erging bereits am 21. April 1933 die vertrauliche Weisung des Führers an die Gaue der NSDAP, am 2. Mai unter Leitung eines „Aktionskomitees zum Schutze der deutschen Arbeit“ die Gewerkschaften „gleichzuschalten“ bzw. zu zerschlagen. Die gewerkschaftliche Bindung der Arbeiter sollte mittels einer Strategie aus Gewalt und Integration aufgeweicht werden, SA und SS seien „zur Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Inschutzhaftnahme der in Frage kommenden Persönlichkeiten einzusetzen“.
Trickreich wurde der Zeitpunkt der Zerschlagung unmittelbar nach dem traditionellen Arbeiterkampftag gelegt. Am 1. Mai fanden reichsweit Kundgebungen unter dem Motto „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter“ statt. Die Nazis lullten Arbeiter*innen und Gewerkschafter*innen mit dem Versprechen ein, sich ihrer Anliegen anzunehmen. Goebbels verkündete bei einer mehrstündigen, im Radio und auf lokalen Veranstaltungen per Lautsprecherwagen übertragenen Großkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin: „Am heutigen Abend findet sich über Klassen, Stände und konfessionelle Unterschiede hinweg das ganze deutsche Volk zusammen, um endgültig die Ideologie des Klassenkampfes zu zerstören und der neuen Idee der Verbundenheit und der Volksgemeinschaft die Bahn freizulegen.“ Auch die Städte an Lahn und Dill wurden an diesem Tag mit nationalsozialistischem Schmuckwerk und Hakenkreuzfahnen überschwemmt.
Wie umfassend und konsequent die Nazis auch im heimischen Raum den ehemals internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung zu einem Fest der Nazis machten, schildert ein Bericht aus der Westerwälder Zeitung vom 4. Mai 1933: „Langenbach b. Mbg. Am Tage der nationalen Arbeit veranstaltete der Steinbruchbetrieb Weidling eine Feier, die die gesamte Belegschaft vereinte. Sturmbannführer Müller von der SA ließ die Hitler-Fahne hissen und würdigte in einer feierlichen Ansprache die Bedeutung des Tages in einem ‚Sieg-Heil’ ausklingend. Vom Steinbruch aus formierte sich der Zug und marschierte bis zur Schule Langenbach b. Mbg., wo sich die gesamte Einwohnerschaft zur Feier am Tage der Nationalen Arbeit versammelte. An das Lied: ‚Jauchzet dem Herrn alle Welt’, vom Männerchor intoniert, schloß sich die zündende und begeisterte Festansprache von Herrn Bürgermeister und Pg. [Anm.: Parteigenosse] Seiler, der seine Rede an das Psalmwort anschloß: ‚Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit’ und u.a. ausführte, daß im Gegensatz zu den Maifeiern vergangener Zeiten am Tage der nationalen Arbeit diesmal das ganze Volk vereint den Tag unter dem Zeichen des Hakenkreuzes und der aufgehenden Sonne feiert. Begeistert stimmten die Anwesenden nach einem ‚Sieg-Heil’ das Horst-Wessel-Lied an […]. Nachmittags beteiligte sich die gesamte Einwohnerschaft an dem imposanten Festzug in Marienberg.“
Der exakten Planung folgend wurden dann am 2. Mai 1933 um 10 Uhr morgens reichsweit alle Häuser und Büros der im ADGB organisierten Freien Gewerkschaften besetzt. Die Polizei griff nicht ein! Die Besetzung des Wetzlarer Gewerkschaftshauses an der Überführung 1 (heute Niedergirmeser Weg 1) erfolgte durch SA und Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) unter der Leitung des stellvertretenden Kreisleiters Haus. Es folgte die Beschlagnahmung des Gewerkschaftsvermögens. Führende Gewerkschafter*innen wurden in Schutzhaft genommen, Funktionär*innen misshandelt, auch Tote gab es. Der Offenbacher Gewerkschafter Georg Kaul nimmt sich noch am 2. Mai aus Verzweiflung über die politische Entwicklung das Leben, der jüdische Gewerkschafter Max Czempin vom Verband graphischer Hilfsarbeiter in Frankfurt begeht am 04.05. Selbstmord; in Berlin wird am 2. Mai mit anderen Gewerkschaftsführern auch Wilhelm Leuschner, stellvertretender Vorsitzender der sozialistischen Gewerkschaften und bis 06. März 1933 hessischer Innenminister, festgenommen und schwer misshandelt. Am 09. Mai 1933 »lud« die NSBO die Wetzlarer Gewerkschaftsmitglieder zur „Übernahmeversammlung“ ein, in der sie die Gewerkschaftssekretäre Ziegler und Hildebrand absetzte und sich das Gewerkschaftsvermögen aneignete. Dieses ging jedoch an die Deutsche Arbeitsfront (DAF) über, die am 10. Mai durch Adolf Hitler selbst gegründet wurde. Sie sollte auch die sozialpolitischen Aufgaben der Gewerkschaften übernehmen. Allerdings wurden Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen in der DAF gemeinsam organisiert. Die Unternehmer*innen wurden entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie in der „Betriebsgemeinschaft“ zu „Betriebsführern“, die Arbeitnehmer*innen zur „Gefolgschaft“. Das Streikrecht wurde abgeschafft. Die Zerschlagung der Gewerkschaften war auch in Wetzlar ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Gleichschaltung, indem die organisatorische Struktur der Arbeiterbewegung zerstört wurde.
Allen, die sich dagegenstellten, drohte Demütigung, Haft, Konzentrationslager und der Tod. Die Wetzlarer Historikerin Marianne Peter berichtete anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Gerade Dich brauchen wir“ am 12.Juni 2013: „Etwa ein Prozent der Bevölkerung, etwa 30 Prozent des klassenbewussten Arbeitermilieus habe aktiv Widerstand gegen die Nazis geleistet. Für Hessen sind inzwischen 3.834 Opfer der politischen NS-Strafjustiz dokumentiert, 28 davon aus dem Kreis Wetzlar. Allein vom Februar bis Juli 1933 saßen in Wetzlar fast 300 Menschen in sogenannter Schutzhaft, viele von ihnen wurden in Konzentrationslager verbracht. Von den ersten 1946 in Wetzlar registrierten 137 Nazi-Verfolgten (darunter 9 Frauen) waren 104 ‚Politische’. In 20 Fällen lautete das Delikt ‚Hochverrat’!“
Und die Arbeitgeber? Bis auf die reservierte Haltung von Ernst Leitz sind keine Proteste oder Kommentare bekannt. Die Führer der großen Unternehmen sahen die Krisenlösung in Lohnsenkungen und Massenentlassungen. Politisch verlangten sie Sozialabbau und Entlassungen im öffentlichen Dienst. Am 28. Mai 1933 blickte die »Deutsche Arbeitgeber-Zeitung« auf die Ereignisse um den 1. Mai zurück: »Die Frontstellung richtete sich damals klar gegen einen wirtschaftlich zerrüttenden, die Arbeiterschaft mit immer neuen, nicht realisierbaren Lohnhoffnungen verführenden ›Gewerkschaftsmarxismus‹ einerseits, gegen eine marxistisch beeinflusste, wirtschaftsfeindliche Staatsführung andererseits. […] Je tiefer durchdrungen vom neuen staatlichen Geist das wirtschaftliche Verbändewesen sich entfaltet, desto mehr kann der Staat sich auf die obersten Richtlinien zurückziehen…« (Deutsche Arbeitgeber-Zeitung Nr. 22, 28.5.1933)
Erst nach Ende des 2. Weltkrieges sollten Arbeitnehmer*innen in Deutschland wieder Mitbestimmungsrechte in den Betrieben und das Streikrecht zurückerhalten, welche die Nazis ihnen mit dem Coup vom 1. Mai 1933 genommen hatten.
Dieser Artikel erschien erstmals am 28. April 2018 in der Wetzlarer Neuen Zeitung
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