Oradour

Frankreich 2024

Die folgenden Bilder zeigen Ruinen – keine römischen, keine mittelalterlichen – sondern die Ruinen eines friedlichen und lebendigen französischen Ortes, der der Willkür der Nazi-Truppen zum Opfer fiel.

Am 10. Juni 1944 verübte die SS das mit 643 Opfern zahlenmäßig verheerendste Massaker in Westeuropa. Nahezu alle Einwohner des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane wurden dabei ermordet. Das Dorf wurde völlig zerstört.

Erinnere Dich!

Auf Anordnung des Führungsstabes der deutschen Wehrmacht unter Alfred Jodl hatte der Oberbefehlshaber West Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt allen Einsatzkräften im südfranzösischen Raum den Befehl erteilt, „zur Wiederherstellung von Ruhe und Sicherheit, sind schärfste Maßnahmen zu ergreifen, zur Abschreckung der Bewohner dieser dauernd verseuchten Gebiete, denen endlich die Lust vergehen muss, die Widerstandsgruppen aufzunehmen und sich von ihnen regieren zu lassen, und zum warnenden Beispiel für die gesamte Bevölkerung. Rücksichtslose Härte ist in diesem kritischen Augenblick unerlässlich.“ 

Auf ihrem Marsch von Montauban zum Kampfgebiet gegen die Alliierten in der Normandie war die 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ damit zur Partisanenbekämpfung und zu abschreckenden Maßnahmen und rücksichtsloser Härte auch gegen die Zivilbevölkerung aufgefordert.

Es ist belegt, dass diese Division bereits bei den ersten Kampfeinsätzen im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 die regelmäßige Erschießung russischer Kriegsgefangener durchführte und bei systematischen Massenmorden beteiligt war.

In dieser Skrupellosigkeit geübt, verübten die Bataillone – allen voran das SS-Panzergrenadier-Regiment 4 „Der Führer“ – im Laufe der Auseinandersetzungen mit den französischen Widerstandskämpfern zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung (so an der Dordogne, in Tulle, Combeauvert und Argenton-sur-Creuse). Den Höhepunkt sollte Oradur-sur-Glane bilden:

 

Rote Kreise = Massaker zwischen dem 11. und 13. Mai 1944, rote Dreiecke = Massaker zwischen dem 21. und 28. Mai 1944, rote Raute = Massaker am 13. Juni 1944

Im Jahr 1936 zählte das Dorf Oradour-sur-Glane laut Volkszählung 1574 Einwohner, von denen jedoch nur 300 im Dorfkern lebten; die restlichen Bewohner verteilten sich auf die umliegenden Weiler und Gehöfte. Während des Krieges wuchs die Bevölkerungszahl erheblich. Nach Kriegsausbruch hatten geflüchtete lothringische Familien in Oradour Zuflucht gefunden. Auch andere Menschen, die vor Razzien und Verfolgung aus Limoges und anderen Städten flohen, suchten in Oradour Schutz. Bis 1944 stieg die offizielle Einwohnerzahl des Dorfkerns auf 405. Die Kinder aus dem Dorf und den angrenzenden Weilern gingen in Oradour zur Schule und besuchten den Kindergarten.

Bis zum Mittag des 10. Juni ging das Dorfleben seinen beschaulichen Gang.

Dann brach das mit unglaublicher Gefühlskälte geplante, vorbereitete und durchgeführte Unheil über die Menschen im Dorf und in der Umgebung herein.

Am 10. Juni, kurz vor 14 Uhr, positionierte sich die 3. Kompanie des I. Bataillons des SS-Panzergrenadier-Regiments 4 „Der Führer“, bestehend aus etwa 150 Männern, die aus Limoges kamen, südöstlich von Oradour. Die Einheit begann unverzüglich mit der Durchsuchung der Weiler und der Umgebung entlang der Landstraße in Richtung Oradour. Männer, Frauen und Kinder wurden in das Dorf getrieben. Ein Truppenteil erreichte Oradour am südlichen Eingang, durchquerte das Dorf und umzingelte es von der anderen Seite. Gleichzeitig zwangen Mitglieder der Einheit die Bewohner Oradours, ihre Häuser zu verlassen und sich auf dem Marktplatz zu sammeln. Das abgesperrte Gebiet der „Säuberungsaktion“ erstreckte sich über einen bis zwei Kilometer hinaus über die nördliche und östliche Grenze des Ortes. Dieses Gebiet war der im Voraus bestimmte Todesbereich („éspace de la mort“).

Auf dem Marktplatz befanden sich neben Männern, Frauen und Kleinkindern auch Schulkinder und Kindergartenkinder, auch aus den benachbarten Weilern und Dörfern. Die Soldaten trennten die Männer von den Frauen und Kindern.

Frauen und Kinder wurden in die Kirche getrieben, die Männer in Gruppen aufgeteilt und zu verschiedenen Scheunen sowie zur Garage „Désourteaux“ geführt.

Auf das Signal des Kompanieführers Otto Erich Kahn hin eröffneten die Soldaten gleichzeitig an allen Gebäuden das Feuer auf die versammelten Männer. Danach töteten sie die Überlebenden aus nächster Nähe, bedeckten die Leichen mit brennbarem Material und zündeten sie an, um eine spätere Identifizierung und Registrierung zu verhindern.

Nach dem Massaker an den Männern brachten SS-Männer eine Kiste in die Kirche, in der die Frauen und Kinder warteten.

Nachdem die SS-Männer Zündschnüre in Brand gesetzt hatten, quoll „dicker schwarzer und erstickender Rauch“ aus der Kiste auf. Aus Nebeltöpfen wurde weißer Phosphor freigesetzt. Mit der Luftfeuchtigkeit und unter starker Hitzeentwicklung entwickelt sich daraus das Atemgift Phosphorpentoxid. Rauch und Hitze töteten die in Panik befindlichen Opfer. Zugleich schossen die SS-Männer durch Fenster und Türen in die Menge und warfen Handgranaten. Gestühl, Beichtstühle und Altäre entzündeten sich und Teile der Gewölbe stürzten ein.

In solch einem Beichtstuhl verbrannte ein kleiner Junge.

Es gibt keine Worte, um eine solche Abscheulichkeit zu beschreiben. Obwohl der Oberbau der Kirche und der Glockenturm vollständig abgebrannt waren, hatten die Gewölbe des Langhauses dem Feuer standgehalten. Die meisten Leichen waren verkohlt. Aber einige hatten, obwohl sie bis zur Asche verbrannt waren, ihre menschliche Gestalt behalten. In der Sakristei standen zwei kleine Jungen von zwölf oder dreizehn Jahren ineinander verschlungen, vereint in einem letzten Schreckensschub. Im Beichtstuhl saß ein kleiner Junge mit nach vorne geneigtem Kopf. In einem Kinderwagen lagen die Überreste eines acht oder zehn Monate alten Babys. Ich konnte es nicht länger ertragen und kehrte, während ich wie ein Betrunkener ging, in den Weiler Bordes zurück.“ (Jean Pallier, nachdem er nach dem Massaker in der Kirche seine Frau und seine Kinder gesucht hatte).

Nach wenigen Stunden waren 643 Menschen tot, der Ort stand in Flammen.

Die Bundesrepublik Deutschland hat niemanden strafrechtlich für das Massaker zur Verantwortung gezogen.

Beschuldigte wurden nicht nach Frankreich ausgeliefert, da Artikel 16 des Grundgesetzes die Auslieferung deutscher Staatsbürger verbietet, und es kam zu keiner Verurteilung in Deutschland. Obwohl mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden, führten diese nicht zu einer Anklage. Die Einstellung der Verfahren basierte auf den umfangreichen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Dortmund, die die alleinige Verantwortung dem verstorbenen SS-Sturmbannführer Adolf Diekmann zuschrieben, der am 29. Juni 1944 in der Normandie fiel.

Die Erinnerung an das Massaker findet hauptsächlich vor Ort statt. Die als Denkmal bewahrten Ruinen, der Friedhof mit den sterblichen Überresten der Opfer, verschiedene Denkmäler sowie ein Dokumentationszentrum bilden zusammen ein Ensemble der Erinnerungskultur, das jährlich von nahezu 300.000 Menschen besucht wird.


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0 thoughts on “Oradour

  1. Ich war nicht in der Lage, alles zu lesen. Und die geistigen Nachfolger krähen schon wieder mit Erfolg. Ich fasse es nicht. Unmenschlichkeit als Prinzip und Hass Staatsräson. Dass diese faschistische Grundstimmung auch nach dem Krieg sich weiter im Untergrund hielt zeigt die mangelnde Verfolgung. Heute dürfen sie wieder offen krähen

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