Kampf um die Demokratie (Teil 2)

Feinde der Demokratie – ein Déjà-vu

Teil II

2018 jährt sich zum 85ten Mal die faschistische Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft.  Einige Monate vorher finden die Bundestagswahlen statt. Welt- und europaweit schüren Populisten erneut Fremdenhass und Nationalismus. Dabei nutzen sie die Angst vieler Menschen vor Deklassierung. Ein Nährboden, der Deutschland und Europa schon einmal in den Abgrund führte.

Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter

In der letzten DAMALS Ausgabe dieser Zeitung am 15. April schilderten wir, wie sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den 1920er Jahren verschlechterten. Dies machten sich die Gegner der Demokratie zunutze.

Die republikfeindlichen Parteien aus dem völkischen Spektrum gewannen seit Beginn der Weimarer Republik stetig an Einfluss. Der Versailler Vertrag war dabei ein ständiger Quell nationaler Enttäuschung. Seine harten Bedingungen hatten blankes Entsetzen hervorgerufen, die meisten Deutschen lehnten ihn als „Diktat- und Schandfrieden“ ab. Den Kampf gegen die „Fesseln von Versailles“ fasste die nationale und völkische Rechte als eine Frage der Ehre auf und nutzte sie für eine hasserfüllte Hetze gegen die Republik und deren Repräsentanten. Dieser Hetze fiel u.a. Reichsaußenminister Walther Rathenau  zum Opfer. Er war auch wegen seiner jüdischen Abstammung zu einem Symbol der verhassten „Judenrepublik“ gemacht worden. Der Historiker Martin Sabrow kommt zu dem Schluss, dass hinter der Ermordung Walther Rathenaus ein Komplott der Organisation Consul steckte. Für ihn steht außer Zweifel, dass Hermann Ehrhardt (ein deutscher Marineoffizier sowie antisemitischer, deutschnationaler, republikfeindlicher Freikorpsführer) als Chef dieses Geheimbundes die Ermordung Rathenaus persönlich anordnete. Diese – so Sabrow – sei Teil einer terroristischen Eskalationsstrategie gewesen, um einen Bürgerkrieg zu entfesseln. Der Tod Rathenaus, der nach Ansicht der Attentäter „alle Fäden in der Hand“ hatte, würde – so ihre Erwartung – den Sturz der gesamten Regierung nach sich ziehen und „Linksradikale“ zu Aktionen veranlassen. Ehrhardt, der in Bayern ausgezeichnete Beziehungen zur rechtsgerichteten Regierung und den Behörden unterhielt, hoffte in diesem Fall mit seinen Leuten als Ordnungsmacht zur Hilfe gerufen zu werden und eine von ihm abhängige Regierung oder Militärdiktatur errichten zu können. Offenbar waren zu diesem Zweck auch noch weitere Anschläge auf führende Politiker der Weimarer Republik geplant. Der DNVP-Reichtagsabgeordnete Wilhelm Henning hatte in der „Konservativen Monatsschrift“ anlässlich des Vertragsschlusses von Rapallo geschrieben: „Kaum hat der internationale Jude Rathenau die deutsche Ehre in seinen Fingern, so ist davon nicht mehr die Rede. […] Sie aber, Herr Rathenau, und Ihre Hinterleute, werden vom deutschen Volk zur Rechenschaft gezogen werden“.  Bekannt war auch das vor allem in den Freikorps verbreitete Hetzlied: „Auch Rathenau, der Walther, Erreicht kein hohes Alter, Knallt ab den Walther Rathenau, Die gottverdammte Judensau!“ Die Verbreitung von Hetze ging also auch schon vor den Zeiten der sozialen Medien wie Facebook, twitter etc.. Interessant ist auch, dass Adolf Hitler damals schon in der Propaganda den Begriff der Lügenpresse benutzte: „Für die Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten“.

Zwar demonstrierten nach der Ermordung Rathenaus Hunderttausende im Juni 1922 für Republik und Demokratie. Doch gegen den manifesten Antisemitismus des völkischen Lagers sowie gegen die demokratiefeindlichen Strömungen vermochten die reichsweiten Demonstrationen nur wenig auszurichten. Auch in Wetzlar versammelten sich die Bürger zu einer Demonstration (siehe Bild von der Versammlung auf dem Domplatz). Nicht bekannt war den tausenden Wetzlarern, die ihre Bestürzung über die Ermordung Rathenaus in der Demonstration auf dem Domplatz zum Ausdruck brachten, dass ein Teil der „Brigade Erhardt“ sich nach dem Attentat im Lungensanatorium Elgertshausen bei Ehringshausen versteckt hatte. Adolf Hitler arbeitete beim Aufbau seiner Bewegung bereits früh mit Ehrhardts Organisation zusammen. Die Nationalsozialisten solidarisierten sich noch während der Weimarer Republik mit den Attentätern und veranstalteten im Juli 1930 eine Feier am Grab der Attentäter in Saaleck. In Anwesenheit Ehrhardts, Heinrich Himmlers und Ernst Röhms wurde eine Gedenkplatte am Burgturm angebracht und Mitglieder der thüringischen Staatsregierung legten Kränze nieder.

In diesem gesellschaftlichen Klima, gepaart mit der Auswegs- und Hoffnungslosigkeit von Millionen Menschen in Folge der durch den New Yorker Börsencrash am 28. Oktober 1929 ausgelösten großen Wirtschaftsdepression, gewann die Demokratiefeindlichkeit tief in der Mitte der deutschen Gesellschaft an Fahrt. Es entstand die faschistische Massenbewegung der NSDAP sowie die Bereitschaft elitärer Kreise, diese finanziell und logistisch zu unterstützen.

Ob sich Geschichte wiederholt oder aus ihr gelernt wird, liegt in unserer gemeinsamen demokratischen Verantwortung. Erich Kästner schrieb hierzu, nachdem er Faschismus und Krieg überlebt hatte: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 21. April 2017 in der Wetzlarer Neuen Zeitung.


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