In einem Jahr wird ganz Deutschland in unserer Hand sein!

Vor 80 Jahren wurde die erste freie deutsche Gewerkschaftsbewegung liquidiert.

Am 2. Mai 1933 stürmten  Kommandos von SA und SS unter Duldung der Polizei die Häuser der freien Gewerkschaften. Das Eigentum der Gewerkschaften wurde konfisziert, Druckmaterialien beschlagnahmt und verbrannt. Unzählige Gewerkschaftsfunktionäre wurden in „Schutzhaft“ genommen, viele misshandelt. In Duisburg wurden vier Gewerkschafter ermordet. Zahllose andere sollten folgen. Die Geschichte der deutschen Gewerkschaften ist verknüpft mit dem Schicksal tausender Kolleginnen und Kollegen, die sich dem Nazi-Terror nicht beugten und heldenhaft dagegen kämpften.

Doch 1933 verlief die Zerschlagung der freien Gewerkschaften ohne nennenswerten Widerstand. Wie konnte es zu dieser kampflosen Kapitulation kommen?

Die Arbeiterbewegung war 1933 tief gespalten in Sozialdemokraten und Kommunisten. Diese Spaltung und das Fehlen einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung verhinderten das gemeinsame Vorgehen gegen den Faschismus. Zu spät, erst im KZ Osthofen, erkannte z.Bsp. Fritz Gerlach, Sozialdemokrat und Mitglied im Deutschen Holzarbeiterverband, an seinen Gießener Kollegen, den Kommunisten und Gewerkschafter, Walter Deeg, gewandt: »Jetzt sitzen wir gemeinsam hier, der Sozialdemokrat und der Kommunist. Die Einheitsfront haben die Nazis hergestellt, nicht wir«.

Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung war in Wirklichkeit Kern des deutschen Faschismus. Die konservativen Kräfte und Arbeitgeber, die Hitler an die Macht verhalfen, hatten kein Interesse an einer gut organisierten Arbeiterbewegung, die selbstbewusst für ihre Rechte kämpfte. Viele Großindustrielle unterstützten die Nazis, weil sie erwarteten, dass sich diese gegen ihre alten Gegner SPD, KPD und Gewerkschaften einsetzen würden. Führende Wirtschaftsgrößen hatten daher ja bereits 1932 Hindenburg ersucht, „die verantwortliche Leitung eines Präsidialkabinetts“ an Hitler zu übertragen und der NSDAP erhebliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Die Werksleitung der Buderus’schen Eisenwerke bejubelte denn auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler mit folgenden Worten: »Die große Wende. Der Reichspräsident hat Adolf Hitler mit dem Kanzleramt betraut. Wenn man die hinter uns liegende Übergangszeit betrachtet, die wie ein Alpdruck auf dem deutschen Volk gelastet hat, die besonders der eben erst zart aufkeimenden Wirtschaftsbelebung schon schwer geschadet hat, so muss eigentlich jeder gut-meinende verfassungstreue Deutsche aufatmen, dass es so gekommen ist«.

Paul Szymkowiak, der bis 1933 Bergbau-Gewerkschaftssekretär in Gießen und Herborn war, wurde auf der Fahrt zur Vernehmung von SA-Leuten mit Stahlruten und Gummiknüppeln schwer misshandelt und an einem Baum aufgehängt.

In einem ersten Schritt zur Liquidierung der Freien Gewerkschaften hatte die Reichsregierung zuvor am 4. April das „Gesetz über Betriebsvertretung und wirtschaftliche Vereinigungen“ erlassen. Mit diesem Gesetz wurden noch anstehende Betriebsratswahlen ausgesetzt, da die freien Gewerkschaften bei den Betriebswahlen im März noch knapp drei Viertel der Stimmen erreichten – und damit der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) – eine betriebsbezogene Organisationsform der NSDAP- ein Fiasko bereiteten. Zudem wurden demokratisch gewählte Betriebsratsmitglieder, die die Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler wahrnehmen wollten, massenweise von den Behörden amtsenthoben. Statt ihrer wurden willfährige NSBO-Funktionäre eingesetzt. Mit diesem Gesetz wurde bereits die Betriebsdemokratie abgeschafft.

Die NSBO und das am 29. März zwecks Zerschlagung der freien Gewerkschaften gegründete „Aktionskomitee zum Schutze der Deutschen Arbeit“  schufen am 10.5. die  faschistische Einheitsorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unter dem Hitler-treuen Robert Ley. Am 12. Mai wurde das Vermögen der freien Gewerkschaften aufgrund der Behauptung der NSBO, einen ungeheuren Korruptionssumpf aufgedeckt zu haben, beschlagnahmt und deren Enteignung beschlossen. Drei Monate nach der Machtübertragung an die Faschisten um Hitler hatten diese auf dem Weg zu ihrer menschenverachtenden Diktatur eine weitere demokratische Instanz ausgeschaltet. Am 19. Mai wurde das „Gesetz über die Reichstreuhänder der Arbeit“ erlassen, mit dem die Tarifautonomie beseitigt wurde. Ab jetzt bestimmten Staatsbeamte und Betriebsleitung die Arbeitsbedingungen. Mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“  vom 20. Januar 1934 wurden die letzten Reste von Mitbestimmung und freigewerkschaftlicher Organisation beseitigt.  Die innerbetriebliche Struktur wurde unter dem Schlagwort der „Betriebsgemeinschaft“ dem Führerprinzip unterworfen. Betriebsleiter und Unternehmer galten  nun als „Betriebsführer“. Sie entschieden in allen betrieblichen Angelegenheiten und die nun als „Gefolgschaft“ bezeichneten Beschäftigten hatten diese zu akzeptieren. Der zu wählende Vertrauensrat hatte keinerlei Rechte und wurde zum Organ der nationalsozialistischen Propaganda. Die Höhe der Löhne setzten die von der Arbeitsfront ernannten sogenannten Treuhänder der Arbeit fest. In der Praxis richteten sie sich dabei nach den Wünschen der Arbeitgeber. Hitler selbst erklärte später, dass „nicht die Erhöhung der Stundenlöhne, sondern Einkommenssteigerungen allein durch Leistung von jeher eherner Grundsatz der nationalsozialistischen Führung“ gewesen sei.

Dass sich die Arbeitsbedingungen der Arbeiter gravierend verschlechterten, erlebte auch Ernst Grölz, der damals bei Buderus in Lollar arbeitete: »Vor 1933 arbeiteten wir in der Regel acht Stunden am Tag, während der Nazizeit wurde die Arbeitszeit auf neun bis zehn Stunden ausgedehnt.«

Der amerikanische Historiker W. L. Shirer schrieb denn auch in „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“: <<Eine nüchterne Untersuchung der amtlichen Statistiken enthüllt, dass die in der nationalsozialistischen Propaganda vielgeschmähten  Kapitalisten, und nicht die Arbeiter, von der Politik Hitlers am meisten profitierten.>>

Ach ja, und Goebbels hat wohl Recht behalten:

Nach einem Jahr war ganz Deutschland in der Hand der Nazis – und dem Untergang geweiht!

Dieser Artikel erschien erstmals im Mai 2013 in den Wetzlarer Nachrichten


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