Der Zweite Weltkrieg kostete über 65 Millionen Menschen das Leben, dabei kamen mehr Zivilist*innen um als Soldaten. Alleine für Deutschland werden die Kriegs-Kosten und KriegsSchäden auf 2,1 Billionen US $ geschätzt (nach heutiger Kaufkraft).
Während es vor allem für die östlichen Landstriche Deutschlands noch viele grausame Wochen dauern sollte, wurde Wetzlar bereits im März 1945 vom Nazi-Terror befreit.
Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter
Nachdem im Winter 1944/45 die deutsche Wehrmacht mit einem letzten verzweifelten Versuch (Ardennen-Offensive) gescheitert war, den Vormarsch der Alliierten im Westen zu stoppen, eroberten die alliierten Truppen einen deutschen Landstrich nach dem anderen. Anfang März erreichten sie den Rhein
und konnten, nachdem die Brücke von Remagen am 8.3.1945 unversehrt in ihre Hände gefallen war, bald weitere Brückenköpfe bilden und die deutschen Linien durchbrechen.
Drei Wochen später stieß die 99.US-Infanterie-Division in den Raum Wetzlar vor, während weitere US Panzer- und Infanterie-Divisionen sich in den Raum Gießen / Marburg vorkämpften.
„Die Amerikaner erkämpfen sich Übergänge über die Dill bei Herborn und Burg. Zwischen Herborn und Wetzlar wird der Raum Sinn, Edingen, Katzenfurt und Aßlar erreicht.“ vermerkte der Wehrmachtsbericht vom 27. März 1945. Vom Wetzlarer Domturm aus konnte man beobachten, wie die amerikanische Armee
im Kreisgebiet vorrückte. Vor dem Einmarsch in Wetzlar selbst befreiten amerikanische Truppen an
diesem Tag das sogenannte Durchgangslager (DULAG) im Stadtbezirk Dalheim. Es war erst 1944 eingerichtet worden, nachdem ein entsprechendes Lager in Frankfurt nach Bombenangriffen aufgegeben werden musste. Mit großen weißen Buchstaben »POW« (Prisoners of War, Kriegsgefangene) auf den Baracken-Dächern wollte man die Bombardierung der naheliegenden
Industrie-Standorte Wetzlars verhindern. Für die Wetzlarer Historikerin Dr.Susanne Meinl ein Fall von Geiselnahme: »Die Kriegsgefangenen wurden als menschliche Schutzschilde missbraucht, was der Genfer Konvention zuwiderläuft.« Genutzt hatte es wenig.
Rund 3600 Bomben wurden zwischen Mai 1944 und März 1945 über Wetzlar abgeworfen. Dabei starben 580 Menschen, 4642 Gebäude wurden zum Teil schwer beschädigt, 349 total zerstört, 4480 Menschen wurden obdachlos.
Ausgelegt für 600 amerikanische und britische Bomberpiloten durchliefen ca. 15 000 Kriegsgefangene von April 1944 bis März 1945 dieses Lager. „Fast täglich kamen Reichsbahnzüge mit Gefangenen auf der Lahnstrecke nach Wetzlar. Etwa 80 englisch sprechende deutsche Offiziere waren bei der Vernehmung eingesetzt. Bevor die Gefangenen vernommen wurden, waren sie in Einzelzellen untergebracht, bekamen nur mäßige Verpflegung, durften sich nicht rasieren, nicht rauchen usw. Die bereits vernommenen Soldaten dagegen lebten direkt gegenüber in großen, sauber eingerichteten Baracken.“ berichtet
Karsten Porezag in „Luftkrieg über Wetzlar“.
In der Regel verbrachten die Gefangenen nur eine Woche im Lager in Dalheim bevor sie nach intensiven Verhören in sogenannte Stammlager (STALAGS) im Osten verlegt wurden. Zum Beispiel ins STALAG Luft 1 in Barth in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Nazis gleichzeitig ein Zwangsarbeiter- und Außenlager des KZs Ravensbrück betrieben. So kam die Befreiung des Dalheimer Lagers auch für 12 britische und 138 US-Offiziere zu spät. Diese befanden sich bereits auf einem Evakuierungsmarsch Richtung Osten. Bei Mücke im Vogelsberg gerieten sie in einen Bombenhagel. Verletzte wurden von der SS erbarmungslos mit der Pistole niedergestreckt.
Wie glücklich die Befreiten waren, ließ sich ihren Gesichtern beim Verlassen des Lagers am 29.3.1945 entnehmen (auf Youtube: Liberated US and Allied prisoners of war leave the prison camp at Dulag-Luft near Wetzlar, Germany).
Seit der zweiten Jahreshälfte 1944 zeichnete sich die verheerende Niederlagedes Deutschen Reiches ab. Das Nazi-Regime verbreitete einerseits in seiner Propaganda Angst und Schrecken vor den Gegnern, um alle Reserven zu mobilisieren, und peitschte andererseits der Bevölkerung den „Glauben an den
Endsieg“ ein. Joseph Goebbels wurde „Generalbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz“ und rekrutierte in nie dagewesener Härte und Rücksichtslosigkeit noch Massen neuer Wehrpflichtiger.
Sinnlose Durchhalte-Befehle wurden erlassen, so die Verordnung des Reichsministers Thierack vom 15. Februar 1945 über die Bildung „fliegenderStandgerichte“, die „Deserteure“ sofort nach ihrer Festnahme zum Tode zu verurteilen hatten. Am 25. Februar 1945 wurde diese Standgerichtsbarkeit auf
die Zivilbevölkerung ausgedehnt.
Noch 10 Tage vor der Befreiung Wetzlars, am 19. März 1945 erließ Hitler selbst den sogenannten „Nero-Befehl“, der anordnete, beim Rückzug der deutschen Truppen „alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte“ zu vernichten. Das Leiden, das er damit über „sein geliebtes Volk“ bringen würde, nahmen er und seine fanatischen
Gefolgsleute ohne Skrupel in Kauf.
„Selbst das Oberkommando der Wehrmacht übernahm kurz vor Kriegsende entsprechende Mordbefehle der SS: Alle männlichen Einwohner eines Hauses, von dem die weiße Fahne wehte, seien unverzüglich zu erschießen“ schreibt die Süddeutsche Zeitung am 11.5.2010 und: „Als sich das badische Mörsch trotzdem den Franzosen ergab, schoss deutsche Artillerie den Ort in Trümmer“.
Am 28.September 1944 hatte Hitler den „Deutschen Volkssturm“ ins Lebengerufen mit den Worten: “Dem uns bekannten totalen Vernichtungswillen unserer jüdisch-internationalen Feinde setzen wir den totalen Einsatz aller deutschen Menschen entgegen.“ Für Aufbau und Einsatz waren die Gauleiter der NSDAP und ihre Kreisleiter verantwortlich. „Sie bedienen sich dabei vor allem der fähigsten Organisatoren und Führer der bewährten Einrichtungen der Partei, SA, SS, des NSKK und der HJ“ so der Führer. Schlecht ausgebildete alte Männer sowie Jugendliche und gar Kinder, die zudem unzureichend bewaffnet waren, sollten „jeden Zentimeter des Deutschen Vaterlands mit ihrem Blute verteidigen“ und gar das Blatt wenden und den Endsieg erkämpfen. Militärisch wertlos, teilweise ideologisch aber fanatisiert, erlitt dieser sogenannte „Volkssturm“ in der letzten Kriegsphase hohe Verluste. Unnötig wurde Blut vergossen, an der totalen Niederlage konnte dies nichts ändern.
Kurz vor der Eroberung der Stadt ließ der Kreisleiter der NSDAP, Wilhelm Haus, „noch sämtlichen vorhandenen Sprengstoff zusammen fahren“, um auf Befehl des Kampfkommandanten Schimpf die Brücken über die Lahn sprengen zu lassen. Obwohl er bei den Vorbereitungen seiner Flucht durch
„Granatexplosionen aus seiner Abschiedsstimmung gerissen wird“ und feindliche Panzer bei Altenberg gemeldet wurden, versuchten er und seine Begleiter in Garbenheim noch einen Mitbürger zu erschießen, den sie des Hissens einer weißen Fahne verdächtigten. Stunden später wurde Jakob Sauer verhaftet, weil er an seinem Haus ein Pappschild angebracht hatte mit der Aufschrift »Schütze mein Haus, wir sind keine Nazis, wir begrüßen die Befreier«. Nachdem Sauer in den Befehlsbunker des Kreisleiters im
Hausertorstollen gebracht worden war, setzte Wilhelm Haus sich telefonisch mit dem bereits aus Frankfurt geflohenen Gauleiter Sprenger in Verbindung und bat um die Genehmigung, »einen Schuft hängen lassen zu dürfen«. Jakob Sauer wurde im Befehlsstand des Gauleiters in Romrod standrechtlich zum Tod durch Erhängen verurteilt. Noch am gleichen Tag ließ Haus das Urteil an einem Baum auf dem Wetzlarer Friedhof vollstrecken.
Ganz im Einklang mit den oben genannten Durchhalte-Parolen verlangte an eben diesem 27. März 1945 – so erzählte es der niedergirmeser Zeitzeuge Rudolf Mohr – der Volkssturmführer, Lehrer Freitag, von den vor dem Eintreffen der Amerikaner im Hauptstollen des Niedergirmeser Steinbruchs versammelten Männern des Volkssturms – „alles ältere Semester oder Kranke“ –, die Brücken über die Lahn mit dem im Stollen lagernden Dynamit zu sprengen. Diese verweigerten sich allerdings diesem unsinnigen Befehl, da „damit der Vormarsch der Amerikaner und der Sieg der Alliierten nicht verhindert, nicht einmal verzögert werden konnte, aber das Leben in dem ohnehin schwer zerstörten Wetzlar unnötig erschwert und beeinträchtigt würde“. Am 28. März besetzte die 7. US Panzerdivision Niedergirmes und erreichte die
Stadtgrenze von Wetzlar.
„Es tat mir weh, wenn ein Wohnhaus nach dem anderen und ein deutscherMensch nach dem anderen von Fliegerbomben zerfetzt wurde“ schrieb dernationalsozialistische Kreisleiter Wilhelm Haus scheinheilig in seinem “Lebensspiegel“, um gleich darauf auszuführen, dass alle Parteimitglieder „den
Tod im Kampf der Gefangenschaft vorgezogen…und zur Panzerfaust gegriffen…und den Siegern noch schweren Schaden zugefügt“ hätten, hätten sie geahnt, dass eine Wende im Krieg nicht mehr möglich gewesen wäre. Er folgte damit seinem „Größten Führer aller Zeiten“, von dem er glaubte, „daß –
wenn der unselige Krieg nicht gekommen und Hitler so klug gewesen wäre, ihn zu vermeiden – Hitler von mindestens 90% des deutschen Volkes angebetet worden wäre.“
„Wir kapitulieren nicht – niemals! Wir können untergehen – aber wir werden eine Welt mitnehmen!“, sagte Adolf Hitler 1945 kurz vor der endgültigen Kapitulation Deutschlands.
Aber die Realität war doch anders. Nachdem der bereits aus Frankfurt geflohene Gauleiter Jakob Sprenger dem Wetzlarer Kreisleiter Haus den Befehl gegeben hatte, „das Schwein sofort hängen zu lassen“, gab er ihm den Rat: „Bringen Sie Ihre Frau in Sicherheit und lassen Sie sich nicht fangen“. So kam
es, dass der Nazi Haus bereits auf der Flucht in Oberhessen war, als die USTruppen in Wetzlar einmarschierten und schließlich den Gehängten Jakob Sauer vom Baum auf dem Wetzlarer Friedhof abnahmen.
„Der Führer wäre nicht entzückt gewesen über das, was sich am Nachmittag des 29. März auf der Wetzlarer Adolf-Hitler-Straße abspielte. Russische Jugendliche, die noch das Ost-Abzeichen auf ihren Jacken trugen, das sie als Sklavenarbeiter brandmarkte, zogen die Straße, die ihm zu Ehren benannt war, entlang, lachten und sangen und blieben oftmals stehen, um einen Schluck Cognac mit den stämmigen Sowjet-Mädchen zu teilen, die sie begleiteten. Eine Gruppe von Franzosen marschierte die Straße entlang, schwenkte die Trikolore und rief den verängstigten Deutschen „Vive la France!“
zu“, schrieb fast gleichzeitig ein Reporter der US-Soldatenzeitung „Yank“. (cit.
K. Porezag)
An diesem Tag hatten Soldaten des 393. US-Infanterie-Regiments Wetzlar besetzt und tausende Zwangsarbeiterinnen befreit. Obwohl beim Einmarsch der amerikanischen Truppen am 29. 03. völlig klar war, dass Widerstand gegen die amerikanischen Truppen sinnlos geworden war, hatten Soldaten der 6. SS-Gebirgsdivision, Reste der 12. VolksgrenadierDivision sowie 16- und 17jährige Fahnenjunker den über die Hermannsteiner Straße vorrückenden Truppen vor der Überquerung der Bahnhofsbrücke noch heftigen Widerstand geleistet. Wenig später aber beendeten Zivilistinnen, die eine hastig an einem Ast befestigte weiße Fahne mit sich führten, diese sinnlose Aktion. Filmaufzeichnungen der US-Armee dokumentieren das Einrücken der Truppen aus Richtung Hermannstein. Sie zeigen die Gefangennahme von Fahnenjunkern, die den Einmarsch über die Bahnhofsstraße zu verhindern versuchten. Sie zeigen auch befreite Zwangsarbeiterinnen, von denen viele wohl mit ihren wenigen Habseligkeiten in Richtung Sixt-von-Amin-Kaserne gehen, wo sie eine neue Bleibe erhielten. Sie sollten nicht die einzigen bleiben, die wieder – wenn auch unter gänzlich anderen Bedingungen – in Wetzlar in Lagern leben mussten. Die beiden Wetzlarer Kasernen wurden bis 1949 zu riesigen Lagern für „Displaced Persons“ (DPs). Bei der Besetzung Deutschlands im Mai 1945 hatten die alliierten Streitmächte rund sieben Millionen Menschen gefunden, die infolge des Krieges verschleppt, vertrieben oder geflohen waren. Sie waren befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene und Osteuropäer*innen und rund 200 000 jüdische Überlebende des Holocaust. „Das Kriegsende hieß gerade für diese Menschen zunächst vor allem Befreiung – umso mehr, als sie bis zur letzten Minute um ihr Leben hatten fürchten müssen, wurden doch Zehntausende von ihnen noch Opfer letzter Gewaltexzesse des NS-Staates und seiner Schergen. Von Einzelnen unter ihnen ging durchaus auch Gewalt aus – als Antwort auf das ihnen zugefügte Leid. Die anfängliche Nachsicht der Besatzungsmächte verkehrte sich rasch in Ungeduld. Um das „Problem“ in den Griff zu bekommen und die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden, wurden Displaced Persons teilweise erneut in Übergangslagern untergebracht“.(nach Martin G. Meyer: DIE NACHKRIEGSZEIT ALS GEWALTZEIT)
Für diese „Displaced Persons“ mussten Auffanglager geschaffen und eine adäquate Versorgung sicher gestellt werden. So auch in Wetzlar.
Im DP-Camp 1 – ehemalige Wehrmachtskasernen in der Silhöfer Aue, deren beschädigte Dächer und Fenster notdürftig repariert worden waren – wurden bei einer Aufnahmekapazität von 5 000 zeitweise 9000 Menschen untergebracht, im DP-Camp 2, einer Kaserne in der Spilburg, 3 000. In beiden
Camps lebten im wesentlichen Polinnen, da die sowjetischen Truppen ihre Rückreise durch die von ihnen besetzte Zone nicht gestatteten. Unter den außerhalb der Camps Untergebrachten waren 100 Ungarinnen, mindestens 152 Russinnen und 185 Lettinnen und Est*innen.
Auch 5 000 überlebende Juden und Jüdinnen wurden in den NachkriegsMonaten im DP-Camp 1 untergebracht und warteten dort auf ihre Weiterreise nach Palästina oder in die USA.
Deshalb kam auch die damals 11jährige Gisela Jäckel, geb. Best immer wieder zu den Lagertoren in der widersinnigen Hoffnung, dass unter den ins DP-Camp gebrachten auch ihre Mutter sein könnte. Für sie selbst war der Einmarsch der Amerikaner gerade noch rechtzeitig erfolgt, um sie vor dem Schicksal zu bewahren, dem fast ihre gesamte Familie zum Opfer gefallen war. Sie hatte bereits als Sechsjährige
erleben müssen, wie ihre Großeltern, Berta und Josef Lyon, im April 1940 aus Wetzlar abtransportiert wurden. Wie später klar wurde, in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Zwei Jahre später wurde auch Giselas Mutter, Rosa Best, nach Auschwitz gebracht und dort 1944 wie auch die Tanten Lina Wollmann und Paula Weber von den Nazis ermordet. Hätte sich der Vormarsch der Amerikaner verzögert, wäre auch Gisela früher oder später zu Tode gebracht worden, fanden diese doch in den Unterlagen des Kreisleiters die Anordnung zur Deportation Giselas und ihrer Schwester, die nur durch das rasche Vorrücken nicht mehr umgesetzt werden konnte. Im 3. Reich litt Gisela als »jüdisches Mischlingskind« unter dem Ausgeschlossensein in einer sich »rein arisch« verstehenden Volksgemeinschaft. Kontakte zu ihr waren verpönt oder gefährlich. Freundinnen oder Freunde hatte sie keine. Die anderen Kinder mieden sie wegen der Vorurteile ihrer Eltern oder aus Angst. Aber auch nach
dem Krieg waren es nur sehr wenige Menschen, die ihr offen und zwanglos entgegentraten. Die Einen hielten Distanz aus fortwährender Verblendung, die Anderen aus Scham.
„Ich kann verzeihen – aber nicht vergessen.“ sagt die heute 84jährige
Zeitzeugin und berichtet immer wieder bewegend über das Ende des
Albtraums.
„Damit so etwas nie wieder passiert!
Dieser Artikel erschien erstmals am 20. März und am 27. März 2020 in der Wetzlarer Neuen Zeitung.
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