Displaced Persons in Wetzlar

Vor 70 Jahren: Lagerleben und ungewisse Zukunft

Am 30. Januar jährte sich die Machtübertragung an Adolf Hitler in Deutschland. Das Ergebnis war der größte Krieg aller Zeiten, von dessen Folgen auch Wetzlar nicht verschont wurde. Daher beschreiben die Autoren hier die unmittelbaren Konsequenzen von Zwangsarbeit, Deportation und Holocaust für Wetzlar nach dem Krieg. Sie greifen hierbei auf die Studie „Wetzlar 1945 – 1949“ des Historikers Andreas Wiedemann zurück, die in den „Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins“ (Heft 33) 1988 veröffentlicht wurde.

Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter

Der Krieg war seit Monaten vorüber, aber die Bevölkerung litt noch sehr unter den Folgen des Dritten Reiches und dem von den Nazis entfesselten Zweiten Weltkrieg. Die Kälte des harten Winters, der Mangel an Wohnraum, Brennstoff und Nahrungsmitteln setzte der Bevölkerung zu. Aber andere traf es noch härter.

Bei der Besetzung Deutschlands im Mai 1945 fanden die alliierten Streitmächte rund sieben Millionen sog. Displaced Persons (DPs) vor, Menschen, die infolge des Krieges verschleppt, vertrieben oder geflohen waren. Sie waren befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Osteuropäer – und rund 200 000 jüdische Überlebende des Holocaust. Allein im Kreis Wetzlar wurde Anfang 1946 ein Höchststand von 27 000 DPs erreicht.

Bis September 1946 gelang es den Alliierten fast sechs Millionen zu repatriieren. Aber es blieb ein Rest von einer Million Menschen, die als nicht repatriierbar galten: Russen und andere Bürger der Sowjetunion, die nach der Befreiung aus der Zwangsarbeit nicht zurückkehren wollten, da ihnen in der Sowjetunion eventuell erneute Verfolgung drohte.

Zwar war für die Juden die 12-jährige Tyrannei zu Ende, aber befreit waren sie noch lange nicht. Völlig entkräftet und demoralisiert hatten die meisten weder eine Heimat noch eine Familie. Vor allem Juden aus Osteuropa flohen nach ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern vor neuerlichen antisemitischen Übergriffen in ihren Heimatländern.

In Wetzlar gab es im September 1946 noch 14 000 DPs, die im Wesentlichen in zwei Lagern und einigen beschlagnahmten Hotels untergebracht waren. Im DP-Camp 1 – ehemalige Wehrmachtskasernen in der Silhöfer Aue, deren beschädigte Dächer und Fenster notdürftig repariert worden waren – wurden bei einer Aufnahmekapazität von

5 000 zeitweise 9 000 Menschen untergebracht, im DP-Camp 2, einer Kaserne in der Spilburg, 3 000. In beiden Camps lebten im wesentlichen Polen, da die sowjetischen Truppen ihre Rückreise durch die von ihnen besetzte Zone nicht gestatteten. Unter den außerhalb der Camps Untergebrachten waren 100 Ungarn, mindestens 152 Russen und 185 Letten und Esten. Die meisten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus anderen Ländern waren bis September 1946 in ihre jeweilige Heimat zurückgekehrt.

Wir wollen nicht verschweigen, dass aus der Mitte der DPs auch Straftaten erfolgten, zum Teil schwere. Vor allem durch jüngere Zwangsarbeiter, die über Jahre nur Unrecht erlebt hatten und Hass auf ihre Unterdrücker entwickelten, kam es zu Plünderungen und anderen Übergriffen auf die deutsche Bevölkerung. In den ersten Wochen nach Einmarsch der Amerikaner wurden 4 Personen, die in die Beaufsichtigung von Fremdarbeitern involviert waren, ermordet. Schwerwiegender war allerdings, dass sich mobile und teils bewaffnete Banden bildeten, die in den Kreisgemeinden ihr Unwesen trieben und vor allem abgelegene Bauernhöfe, Mühlen und Forsthäuser überfielen. Auch hier wurden Menschen skrupellos erschossen. Die bis zu 30 Mann starken Banden überfielen ganze Ortschaften und raubten sie aus. Gegenwehr war kaum möglich, da die deutsche Bevölkerung total entwaffnet war. Mit der Erschießung eines deutschen Polizeibeamten am 3. November 1945 eskalierte die Situation derart, dass die Militärregierung den deutschen Polizisten die Wiederbewaffnung gestattete und in beiden Wetzlarer Camps eine polnische Polizeitruppe aufstellte. Vermutlich waren auch Amerikaner, sicher aber Deutsche, in diesem Bandenwesen beteiligt. Das Ende der von DPs begangenen Gewalttaten kam am 10.September 1946, als Einheiten der 37th US-Constabulary Squadron das Camp in der »Silhöfer Au« umstellten und bei der Razzia rund 60 Lagerinsassen festgenommen wurden, darunter einige mehrfache Mörder. Es muss aber festgestellt werden, dass die Masse der schweren Straftaten nur von einer kleinen Gruppe vorwiegend junger Täter erfolgte, denen aufgrund der jahrelangen Zwangsarbeit ein Rechtsbewusstsein abhanden gekommen war. Diese hatten jahrelang erlebt, wie wenig ein Menschenleben wert war. Anders war es bei den deutschen Tätern, hier stand wohl Habgier im Vordergrund ihrer Motive.

Die weit überwiegende Mehrheit der DPs war rechtschaffen und gesetzestreu (tractable and law-abiding), wie der Chef der Wetzlarer Militärregierung, Oberstleutnant Lee, erklärte.

Insbesondere die osteuropäischen DPs scheuten den Rücktransport in eine ungewisse Zukunft, nachdem sich ihre Lebensbedingungen im Lager drastisch – gemessen an der Situation in den Zwangsarbeiter-Lagern – verbessert hatte.

Nach anfänglichen Problemen waren die Sanitär-Anlagen in den Camps in gutem Zustand, die Nahrung war für damalige Verhältnisse abwechslungs- und kalorienreich und die Gesundheitsversorgung durch ein kleines Krankenhaus in DP-Camp 1 und einem großen 116-Betten-Krankenhaus außerhalb der Lager, das angeblich das beste aller DP-Camps in Deutschland war, sicher besser als in der durch den Krieg darniederliegenden Heimat.

Für die vielen Ost-Polen in den Lagern kam hinzu, dass sie ja gar nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten, da diese mittlerweile von den Russen okkupiert und in die Sowjetunion einverleibt worden war. Da die hohe Zahl von Flüchtlingen, Vertriebenen und DPs die Ernährungslage in Wetzlar stark belastete, wollte die Militärregierung aber ggf. mit Druck die Repatriierung der Polen herbeiführen. Dazu kam es erst im Frühsommer 1946, da wegen des strengen Winters 1945/1946 keine Transporte mehr möglich waren.

Die Juden nahmen unter den DPs eine Sonderrolle ein, sie wurden frühzeitig in der US-Zone in eigenen Lagern zusammengefasst. Zunächst waren in Wetzlar nur wenige, überwiegend junge Juden untergebracht, die fast alle nach Palästina auswandern wollten. Um ihren Start in der neuen Heimat zu erleichtern, wurden sie in Wetzlarer Handwerksbetrieben und Geschäften ausgebildet und erhielten von einem amerikanischen Sergeanten Englisch- und Religions-Unterricht.

Im September 1946 richtete die amerikanische Militärregierung in Wetzlar dann in einer der Kasernen der Silhöfer Aue – nach dem Abzug der polnischen DPs –  ein Lager für ca. 5000 jüdische Flüchtlinge ein, eines der größten in Deutschland. Das Leben der Bewohner war im Wesentlichen auf das Lager beschränkt, da es kaum Kontakte zwischen den Lagerinsassen und Wetzlarer Bürgern gab. Verständlicherweise hatten die Juden daran kein großes Interesse, aber auch die Wetzlarer sahen in den Juden vor allem die Betreiber des Schwarzmarkts, da vor dem Lager ein regelrechter Markt entstanden war, wo es fast alles zu kaufen gab, was auf legalem Wege nicht zu bekommen war. Auch wenn unbestritten viele jüdischen DPs am Schwarzmarkt beteiligt waren, war dieser nicht nur eine „Sache der DPs und arbeitsscheuer Jugendlicher“. Vor allem Deutsche, die in ihren Positionen mit begehrten Tauschobjekten zu tun hatten, waren beteiligt. Andere trieben Schlachtvieh illegal in das Camp oder stellten ihre Häuser als Warenlager zur Verfügung. Schwarzmärkte gab es damals in jedem größeren Ort, ob mit oder ohne DP-Camp in der Nähe. Aber hier konnten alte Vorurteile weitergeführt werden – über Bemühungen im Sinne von Wiedergutmachung wird nicht berichtet.

So sehr sich die Verhältnisse in den DP-Lagern natürlich von den KZs unterschieden, das Leben im Lager half bei der Aufarbeitung der erlebten Traumata wenig. So berichtete ein Bewohner eines DP-Lagers: “Die Atmosphä̈re des Eingesperrt-Seins bewirkte ein ständiges Wiedererleben der Szenen aus unserer fürchterlichen Vergangenheit.”

Erst Ende März 1949 konnte das Lager aufgelöst werden, nachdem ein Teil der Insassen über München und Marseille nach Palästina ausreisen konnte und die anderen in ein Sammellager nach Hanau überführt wurden, wo sie auf ihren Weitertransport in die Vereinigten Staaten von Amerika warteten. Für Wetzlar war damit das Kapitel der Displaced Persons beendet.

Von den 200 000 jüdischen DPs in Deutschland sammelten sich die letzten Schwachen und Kranken in Föhrenwald in Oberbayern. „1954 lebten dort noch 1400 jüdische DPs – sie zogen die Isolation des Lagers der Integration in die deutsche Gesellschaft vor. Erst 1957 wurde das Lager mit dem Verlassen des letzten Bewohners geschlossen und die DP-Phase endgültig beendet“ (Florian C. Knab).

Dieser Artikel erschienen erstmals am 5. März 2016 in der Wetzlarer Neuen Zeitung.


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