Begegnung am Fluss.

Süd-Sudan 1979

Es gibt sie ja, diese einmaligen Begegnungen wie Stanley und Livingston am Tanganjikasee im November 1871: „Dr.Livingstone, I presume.“

Und wenn das auch nicht wirklich vergleichbar ist, für mich war die Begegnung am Bussere-River im November 1979 ähnlich weltbewegend. Auch wenn es nur für meine kleine Welt war.

Bussere River bei Wau (Quelle: SCT612, UNMISS, YouTube)

Meine Version:

Im Tross des Gouverneurs der Provinz Bar El Ghazal und des deutschen Botschafters waren wir zum Fluss gefahren. Es ging um die Frage, ob Deutschland die Fluss-Fähre instandsetzen oder vielleicht sogar eine neue spenden würde.

Der Fluss führte mittleres Wasser – zu viel, um problemlos durch die Furt zu fahren und zu wenig, um die Fähre zu benutzen. Auf dem anderen Ufer hatte sich eine lange Schlange aus LKW und Geländefahrzeugen gebildet, die darauf warteten, dass das Wasser noch weiter zurückging und eine Fahrt über den Damm möglich machen würde. Sie warteten wohl schon tagelang. Aber Geduld gehörte in Afrika ja zum Reisen…

Zu unserer Überraschung sahen wir auf einmal einen Land Rover an der Kolonne vorbeiziehen und in die Furt fahren. Von Weitem war zu erkennen, dass eine junge Weiße im Auto saß.

„Welch ein Greenhorn“ stöhnten einige von uns „erfahrenen Afrika-Kennern“ auf. Denn wir erwarteten, dass das Fahrzeug im Fluss steckenbleiben würde. Na ja, und so kam es dann auch. Statt des rettenden Ufers erreichte das Geländefahrzeug nur eine Sandbank in Flussmitte. Und dort blieb es stecken.

Die junge Frau stieg aus und watete zu uns. Wir sonnten uns in unserer „Rettungsaktion“. Ich bat die Kollegen – es waren wirklich nur Männer da – um eine großzügige Zigarettenspende für den wagemutigen Fahrer, der wohl die ganze Nacht da festsitzen würde, bis der Unimog des Leprazentrums zu Hilfe kommen und das Auto aus dem Fluss ziehen würde.

Nette Geste – aber es sollte anders kommen…

Adda‘s Version:

Einige Dinge habe ich durchaus anders in Erinnerung.

Die Fähre war mehrere Tage defekt gewesen und fuhr erst seit diesem Nachmittag wieder. Die Schlange war aber jetzt am Abend, kurz vor der Dunkelheit, so lang, dass wir bis zum nächsten Abend hätten warten müssen, um an der Reihe zu sein. Edward, mein durchaus sehr fähiger Fahrer, hörte sich um und erfuhr, dass vor kurzem ein anderes Geländefahrzeug durch den Fluss auf die andere Seite gefahren war. Es war nirgends mehr zu sehen. Also entschied ich, es ebenfalls versuchen zu wollen. Ich war zwar nach Meinung einiger ein „Greenhorn“, aber komplett blöde war ich auch nicht. Ich ging in die Furt und watete vor meinem Auto her. Das Wasser ging mir nie höher als Mitte Oberschenkel, also konnte Edward gefahrlos folgen.

Was wir allerdings nicht gesehen hatten – und nicht wissen konnten, da niemand von uns diese Strecke zuvor befahren hatte – war, dass unser vermeintliches andere Ufer eine Sandbank kurz davor war. Wir kamen – vermeintlich – heil auf der Sandbank an, der Damm war an dieser Stelle auch bereits befahr- und erreichbar, aber unser Fahrzeug hatte einen Platten! Edward machte sich an den Reifenwechsel, aber es wurde dunkel.

Und da standen dann auf dem Damm einige kopfschüttelnde „Weißnasen“, die meinen Mitreisenden großzügig Zigaretten und mir eine Mitfahrt anboten. Beides haben wir dankbar angenommen.

Nach der Ankunft im Leprazentrum hatte ich mich gerade umgezogen und ein kühles Tusker-Bier bekommen, als Edward und die anderen mit dem Auto ankamen. Mission geschafft – mit Zigaretten erst mal ausgesorgt.

Tja – zwei Seiten einer Medaille! Oder die Relativität der Sichtweisen.

Aber eine Medaille verdient dieses Ereignis schon, denn aus dieser Begegnung ist eine enge Beziehung entstanden, die bis heute unverbrüchlich hält!


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