Die freien deutschen Gewerkschaften waren ein zentraler Pfeiler der Weimarer Republik – und doch konnten sie die Zerschlagung der ersten deutschen Demokratie nicht aufhalten.
Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter
Bereits am 30. Juli 1932 warnten die deutschen Gewerkschaften vor dem Entstehen einer „verfassungswidrigen Diktatur“. Anlass war der sogenannte „Preußenschlag“, die Absetzung der sozialdemokratischen geschäftsführenden Minderheitsregierung des Freistaates Preußen durch die erste Notverordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg. Die Regierungsgewalt ging an die präsidiale Reichsregierung unter Franz von Papen über. Die Rechtfertigung hierzu wurde aus der angeblichen Unfähigkeit der preußischen Regierung unter Otto Braun abgeleitet, im bevölkerungsreichsten Land der Weimarer Republik Ruhe und Ordnung zu wahren. In Wirklichkeit aber sollten etwaige Widerstände des „demokratischen Bollwerks“ Preußen – zu dem auch die Stadt und der Altkreis Wetzlar gehörten – gegen eine zentralistische, monarchistische Restaurationspolitik verhindert werden. Dennoch nahmen die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten diesen von der Reichswehr unterstützten Staatsstreich ohne wesentlichen Widerstand hin. Eine militärische Gegenwehr der Preußischen Schutzpolizei gegen die Reichswehr erschien aussichtslos, der Aufruf zu einem Generalstreik wegen der hohen Arbeitslosigkeit wirkungslos. Die Hoffnung lag auf den Reichstagswahlen am 31.Juli. Die aber brachten der NSDAP mit einem Stimmenanteil von 37,4 Prozent einen Sieg, sie zog als stärkste Fraktion in den Reichstag ein. Vorausgegangen war mit 99 Toten und 1125 Verletzten der blutigste Wahlkampf, den die Weimarer Republik je erlebt hatte. Die linken Parteien (SPD und KPD) waren untereinander zutiefst zerstritten und hielten sich gegenseitig vor, die Interessen der Arbeiter verraten zu haben. Sie waren damit auch nicht in der Lage, den Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft aufzuhalten.
Nach der Wahl ging die Orgie der Gewalt weiter. NSDAP, SA und Stahlhelm terrorisierten Andersdenkende – vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Auch die erneuten Wahlen im November führten zu keiner mehrheitsfähigen Regierungskoalition. Nach einer langen Periode, in der vom Staatspräsidenten ernannte Reichskanzler versuchten, mit Notverordnungen zu regieren, ernannte dieser schließlich am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler. Am 1. Februar wurde das Parlament erneut aufgelöst und am 4. Februar die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ erlassen, mit welcher oppositionelle Zeitungen verboten und Kundgebungen untersagt werden konnten. Zudem ordnete der zum kommissarischen preußischen Innenminister ernannte Hermann Göring (NSDAP) am 22. Februar 1933 die Bildung einer Hilfspolizei an, die sich vornehmlich aus SA, SS und paramilitärischen Gruppen (wie dem Stahlhelm) rekrutierte.
Nun konnten die Anhänger der Nazis ihren Terror ungestraft intensivieren. So wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, als in Holzhausen im Siegerland ein Sozialdemokrat vom Dach geschossen wurde, der dort eine Fahne anbringen wollte. Republiktreue hohe Beamte wurden ihrer Ämter enthoben, wie beispielsweise der Wiesbadener Regierungspräsident Fritz Ehrler, früherer Leiter des Bezirks Frankfurt des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Göring ordnete an, die Polizei müsse „ohne Rücksicht von der Schusswaffe Gebrauch machen“. Polizeioffiziere wurden entlassen oder zur Kooperation mit der SA und SS gezwungen. So verhandelte der Dillenburger Standartenführer Johannes Schütze mit den Landräten der Kreise Wetzlar und Dillenburg-Biedenkopf über die Integration hunderter Freiwilliger der SA-Stürme II/88 und III/88 als Hilfspolizisten. Ihnen wurden Handfeuerwaffen und allein 7000 Schuss Pistolenmunition ausgehändigt.
Trotzdem konnte im Frühjahr 1933 noch nicht von einer Konsolidierung der nationalsozialistischen Macht ausgegangen werden. Bei den Reichstagswahlen verfehlte die NSDAP trotz vorheriger massiver Unterdrückung der politischen Gegner die erwartete absolute Mehrheit und erreichte nur 43,9% der Stimmen. Noch deutlicher waren die Ergebnisse der reichsweiten Betriebsratswahlen. Aus den 1927 von führenden Mitgliedern der NSDAP in Berliner Großbetrieben gegründeten sogenannten Betriebsgruppen hatte sich 1929 die gewerkschaftsähnliche Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation (NSBO) gebildet. Diese versuchte, aus der Spaltung der politischen und gewerkschaftlichen Linken Kapital zu schlagen und mit Versprechen auf wirtschaftlichen Aufstieg und Vollbeschäftigung Mitglieder zu gewinnen. Entsprechend der rassistischen Partei-Doktrin wurde der Klassenkampf zum Rassenkampf gegen das „jüdische Großkapital“ ausgerichtet. Zur Mitgliederwerbung unter dem Schlagwort HIB (hinein in die Betriebe) wurde neben massiver Propaganda auch Gewalt eingesetzt. Aber bei den Wahlen in 1387 Betrieben mit 9235 Arbeiterratsmitgliedern entfielen 73,4 Prozent auf die freien Gewerkschaften, 7,6 Prozent auf christliche Gewerkschaften und 5,5 Prozent auf andere. Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) errang dagegen nur schlappe 11,7 Prozent.
Einige Funktionäre der freien Gewerkschaften hatten anlässlich der Ernennung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 an einen Generalstreik gedacht. Aber die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte die Arbeitslosigkeit in schwindelnde Höhen getrieben – sechs Millionen Menschen waren arbeitslos – und die Arbeiterorganisationen stark geschwächt. Eine halbe Million bewaffneter SA-Leute hatten begonnen, Andersdenkende zu terrorisieren. Also sah die Gewerkschaftsführung aus Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen oder gar einem Bürgerkrieg von der Ausrufung des Generalstreiks ab. Im Gegenteil: die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) rief die Arbeiter auf, „Ruhe zu bewahren“ und gab die Losung aus: „Organisation statt Revolution“. Die Erwartung war, dass der „Nazispuk“ bald vorbei sei. Im Glauben, so die freien Gewerkschaften retten zu können, versuchten Spitzenfunktionäre sich „im Sinne ihrer nationalen Verantwortung“ mit den Nazis zu arrangieren. Obwohl der ADGB mit einer üblen Verleumdungspropaganda überzogen worden war, erklärte die Führung des ADGB „ihre Neutralität“ gegenüber der neuen Herrschaft. Trotz der zunehmenden Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten ging ein Teil der ADGB-Funktionäre auf Distanz zur SPD, mit der sie bis dahin in einer engen Allianz verbunden waren. Auch Eingriffe in das Tarifsystem wurden akzeptiert. Ja, sogar als ab März 1933 reichsweit Betriebsräte abgesetzt wurden und es zu massiven Übergriffen auf Gewerkschaftshäuser kam, rief der Gewerkschaftsbund nicht zum Widerstand auf, sondern appellierte an die Arbeiter, „Disziplin“ zu wahren. Ganz im Sinne des beschwichtigenden Optimismus hatte auch der Gießener ADGB-Vorsitzende und hessische Landtagsabgeordnete Albin Mann (SPD) im April 1933 erklärt: „Wir vergeben uns ja etwas, würden wir uns mit den Nazis befassen, das ist doch eine Seifenblase, die bald zerplatzten wird“.
Doch es gab auch andere. So sagte der Herborner Schlosser Herrmann Schmidt im Februar 1933: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber!“ und hoffte, die Herborner Eiserne Front werde Widerstand leisten – aber der Befehl „von oben“ blieb aus. Stattdessen wurde am 7. April das Gewerkschaftshaus des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) durch Nazis und SA „symbolisch besetzt“ und bereits wenige Tage später berichtete das Herborner Tageblatt, dass dem NSBO die Geschäfte und Rechte des DMV und des Deutschen Bergarbeiterverbandes übergeben worden seien. Gewerkschaftssekretäre wie Paul Szymkowiak und Hermann Schaub wurden ins Gefängnis nach Wetzlar gebracht und dort schwer misshandelt, anderen gelang gerade noch die Flucht.
In Wetzlar war es noch 1932 zu einer machtvollen Demonstration gewerkschaftlicher Macht gekommen, als 4000 Menschen einem Demonstrationszug „gegen Faschismus und Kriegsgefahr“ der Eisernen Front durch die Innenstadt folgten. Selbst nach dem mit der Notverordnung „zum Schutze des Deutschen Volkes“ verhängten Demonstrationsverbot gingen in der Wetzlarer Altstadt Ende Februar 1933 noch einmal mehr als 2500 Menschen gegen die Nazis auf die Straße. Genutzt hat es wenig, bereits bei den Reichstagswahlen am 5. März mussten das Gewerkschaftshaus des Metallarbeiterverbandes und das Büro des ADGB aus Angst vor Übergriffen von SA und SS bewacht werden. Trotzdem kam es nach der Wahl zu Sachbeschädigungen und Plünderungen.
Ganz anders war die Reaktion bei weiten Teilen der Wetzlarer Unternehmer. Die Leitung der Buderus’schen Eisenwerke versprach sich von der Ernennung Hitlers satte Profite: „Die große Wende. Der Reichspräsident hat Adolf Hitler mit dem Kanzleramt betraut. Wenn man die hinter uns liegende Übergangszeit betrachtet, die wie ein Alpdruck auf dem deutschen Volk gelastet, die besonders der eben erst zart aufkeimenden Wirtschaftsbelebung schon schwer geschadet hat, so muss eigentlich jeder gutmeinende verfassungstreue Deutsche aufatmen, dass es so gekommen ist“. Natürlich kam ihnen die Bekämpfung und Zerschlagung der freien Gewerkschaften zupass, da sie kein Interesse an einer starken Arbeiterbewegung hatten, die selbstbewusst für ihre Rechte kämpfen konnte.
Bald sollten die Arbeiter ihre Rechte vollends verlieren – und mit ihnen Millionen andere.
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