Die Folgen des Krieges für die Menschen in Wetzlar

1957 wurde am 1. September zum Antikriegstag erklärt. Die Initiative ging vom Deutschen Gewerkschaftsbund aus, um „…alles Erdenkliche zu unternehmen, damit des 1. September in würdiger Form als Tag des Bekenntnisses für den Frieden und gegen den Krieg gedacht wird.“ Anlass hierfür war Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Angriff der faschistischen Wehrmacht auf Polen am 1.9.1939. Am Ende dieses Krieges waren auch die Menschen in Wetzlar von Hunger und Elend bedroht. Das (Über-)Leben der Zivilbevölkerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit wird in dem nachfolgenden, zweiteiligen Beitrag beschrieben. Der zweite Teil erscheint in der folgenden Woche. Die Autoren greifen hierbei auf die Studie „Wetzlar 1945 – 1949“ des Historikers Andreas Wiedemann zurück, die in den „Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins“ (Heft 33) 1988 veröffentlicht wurde.

Von Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter

Am 29. März 1945 waren die amerikanischen Truppen in Wetzlar einmarschiert und somit war für die Wetzlarer der Krieg zu Ende. Während viele Einwohner den Einmarsch der Amerikaner mit gemischten Gefühlen sahen, war er für viele andere die Befreiung. Kriegsgefangene im DULAG in Dalheim, Zwangsarbeiter in den Lagern an der Lahn, aber auch viele Wetzlarer Bürger begrüßten die Befreiung vom Nazi-Regime.

Leider kam sie für manche zu spät. Wie für Wolfgang Sauer. »Schütze mein Heim. Wir sind keine Nazi. Wir grüßen die Befreier.« hatte er an sein Haus am Geilberg geschrieben. Hierfür wurde er noch am Vorabend des Einmarsches von den Nazi-Schergen um NS-Kreisleiter Wilhelm Haus gehenkt.

Die eigentlichen Kriegsschäden hielten sich in Wetzlar – verglichen zum Beispiel mit Gießen, das zu ca. zwei Dritteln zerstört war – noch einigermaßen in Grenzen. Der Bahnhof war unbenutzbar geworden, das städtische Kanalnetz sowie die Gas- und Elektrizitätswerke massiv beschädigt und Straßen an vielen Stellen zerstört. Auch an Schulen und Kirchen waren erhebliche Schäden entstanden. Rund ein Viertel der Wohnungen im Stadtgebiet war beschädigt worden, aber anders als in vielen Großstädten war die Mehrzahl der Wohnungen bewohnbar oder doch schnell wieder Instand zu setzen – genügend Baumaterial und Arbeitskräfte vorausgesetzt. Auch die großen Industriebetriebe Leitz, Hensoldt, Buderus und Röchling hatten die Luftangriffe überraschend ohne allzu große Schäden überstanden und waren im Prinzip produktionsfähig. Die Voraussetzungen für den Wiederaufbau der Stadt und die Normalisierung des Lebens ihrer Bürger waren also eher günstig.

Für die amerikanischen Truppen war Wetzlar nur eine weitere eroberte Stadt. Aber die sofort eingesetzte Militärregierung war auf ihre Aufgaben vorbereitet worden („Es handelte sich dabei, neben amerikanischen Offizieren und Soldaten, vor allem um deutsche Emigranten, die in der Zusammenarbeit mit den Alliierten eine Gelegenheit sahen, nach der Zerschlagung Hitler-Deutschlands beim Aufbau eines demokratischen Systems mitzuhelfen“). Ein Aufbau- und ein Stadt-Ausschuss wurde aus Mitgliedern einiger in der Weimarer Republik vertretenen Parteien gegründet.  Am 20.5.1945 trat mit Genehmigung der Militärregierung der Aufbau-Ausschuss des Kreises zum ersten Mal zusammen. Er sollte alle Angelegenheiten des Kreises behandeln, war dabei aber an die Weisungen der Militärregierung gebunden.

Als vordringlichste Aufgabe des Stadtausschusses, der am 9.7.1945 zum ersten Mal tagte, wurde gesehen, „Mittel und Wege zu zeigen, um die Not zu beseitigen. Ein Programm hierfür brauche man nicht lange zu suchen; dieses liege nämlich, im wahrsten Sinne des Wortes, auf der Straße. Aufgabe des Stadtausschusses müsse es aber auch sein, Verständnis in der Bevölkerung für die Maßnahmen der Stadt zu wecken, die oft hart und unpopulär sein werden«.

Für diese Kreis- und Stadt-Gremien stand also der Wiederaufbau im Vordergrund, für die Militärregierung gab es aber noch ein vordringliches Ziel, nämlich „die völlige Ausschaltung jeglichen nationalsozialistischen Einflusses“.

So war denn auch für den Stadtausschuss eine der moralisch wichtigsten Aufgaben die Wiedergutmachung – soweit dies möglich war – an den Opfern des Nazi-Terrors und des durch die Nazis begonnenen Krieges.

137 Überlebende wurden in Wetzlar als verfolgt anerkannt, 105 von ihnen aus politischen, 25 aus rassischen und 7 aus religiösen Gründen. Die „politisch Verfolgten“ waren unter dem Nazi-Regime wegen staatsfeindlicher Einstellung, Rundfunkverbrechen, Mitgliedschaft in der KPD oder Hochverrat angeklagt worden. Im Aufruf des Stadtausschusses zur Sammlung von Spenden hieß es unter anderem: „…Der Opfer sind viele, auch in unserem Kreis, der Ertrag der Sammlung muss dementsprechend groß sein. Jeder hat die moralische Pflicht, nach seinen besten Kräften zu helfen.(…) Die Sammlung und ihr Ergebnis sollen ein Gradmesser sein für den Willen des deutschen Volkes, ein begangenes Unrecht wiedergutzumachen…“.  Die Sammlung erbrachte einen Betrag von 45.000 RM, der an die „Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte“ ging, die kurz nach Kriegsende im Rathaus eingerichtet worden war. Ein erster kleiner Schritt zur Aufarbeitung des Nazi-Unrechts war gemacht.

Aber Militärregierung, Stadt- und Kreisverwaltung und Bürger und Bürgerinnen mussten sich nun auch mit den doch sie betreffenden dramatischen Folgen des Krieges beschäftigen. Obwohl sich die Kriegsschäden in der Stadt Wetzlar relativ in Grenzen hielten, kam es zu massivem Wohnraummangel. Einerseits gestaltete sich die Reparatur der Bauschäden schwierig, da qualifizierte Bauhandwerker nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren und Arbeitskräfte vom Lande lieber ihre Felder bestellen wollten als in der Stadt zu arbeiten. Auch die Beschaffung und der Transport von Baumaterialien waren äußerst kompliziert. Zum anderen war die Einwohnerzahl der Stadt von ca. 19 000 durch Ausgebombte und Evakuierte aus anderen Teilen Deutschlands zu Kriegsende bereits auf über 20 000 und bis Ende 1945 auf fast 22 000 angestiegen.

Auch die Ernährungslage war und wurde zunehmend prekärer. Im gesamten Deutschen Reich gab es bereits seit August 1939 lebensnotwendige Güter nur auf Bezugsschein. 1945 verschärfte sich die Situation dramatisch, da die Nahrungsmittelproduktion in den letzten Kriegsmonaten massiv gelitten hatte und die Getreidelieferungen aus den „Kornkammern“ der deutschen Ostgebiete entfielen. Saatgut und Düngemittel waren knapp. Auch in der Landwirtschaft fehlten Arbeitskräfte. Die Versorgung mit nicht in der Region produzierten Lebensmitteln war unzureichend, da es an Transportmitteln fehlte und die Ernte im Sommer 1945 generell sehr schlecht ausgefallen war. Insbesondere zu Ende der jeweiligen „Bezugsperiode“ mussten Verbraucher oft ohne Brot oder ohne Kartoffeln auskommen.

Auch in Wetzlar hungerte die Bevölkerung. So betrug die durchschnittliche tägliche Kalorienzuweisung eines normal arbeitenden Erwachsenen im Oktober 1945 nur 1 200 kcal, Schwerstarbeiter erhielten 2 285 kcal. In den nächsten Jahren verschlechterte sich die Situation sogar noch. Kartoffelkäfer bedrohten das wichtigste Grundnahrungsmittel. Erhebliche Teile der lokalen Ernten fielen Wildschweinen zum Opfer, da die Jäger keine Gewehre mehr hatten, ihre ungebremste Vermehrung einzudämmen. Im Februar 1946 vernichtete das „Jahrhundert-Hochwasser“ der Lahn zudem große Teile der in den Kellern des unteren Stadtgebietes eingelagerten Kartoffeln. Im besonders kalten Winter 1946/47 „erfroren“ die eingelagerten Kartoffeln. Da in ganz Deutschland die Wasserwege zugefroren und wegen des starken Frosts nur die Hälfte aller Lokomotiven und Güterwaggons einsatzbereit waren, wurde die Versorgung mit Getreide (ausländische Hilfslieferungen aus Bremen), Kartoffeln, Fleisch und Gemüse extrem schwierig. In Wetzlar musste die Versorgung mit diesen Lebensmitteln zeitweise völlig eingestellt werden, so dass die Nahrung zeitweise nur noch aus Brot und Nährmitteln bestand. Frühling und Sommer 1947 waren nun besonders heiß und trocken und führten zu massiven Missernten, wodurch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln weiterhin sehr schlecht blieb und die Tagesrationen für „Normalbürger“ bis zur Währungsreform bei durchschnittlich 1 040 kcal blieb. Auch die Versorgung mit Gebrauchsgütern war schlecht. Eine Studie im März 1947 ergab, dass „jeder männliche Wetzlarer Bürger auf ein Paar Schuhe 5 1/2 Jahre, auf einen Anzug 18 und auf einen Mantel 45 Jahre und Frauen auf Schuhe 6 1/2, auf einen Mantel 194 und auf ein Baumwollkleid 481 Jahre würden warten müssen“. Viele Wetzlarer hatten bereits seit 1940 sowieso schon keine entsprechenden Zuteilungen mehr erhalten.

Die für die Wetzlarer bereits extrem schwierige Situation wurde durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen weiter verschärft.Nach dem verlorenen Krieg flohen Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten und Osteuropa oder wurden von dort vertrieben. Bis Ende 1946 gelangten davon ca. eine halbe Million nach Hessen, bis zum 1.6.1949 wurden für Hessen insgesamt 652 000 Flüchtlinge registriert.

Die hessischen Großstädte konnten wegen der erlittenen Zerstörungen kaum die eigene Bevölkerung versorgen, daher wurden die Flüchtlinge im Wesentlichen auf den ländlichen Raum und in die Kleinstädte verteilt.

Bis Februar 1946 waren in Wetzlar zwar nur wenige Flüchtlinge angekommen, das sollte sich aber mit dem Beginn der „organisierten“ Vertreibung schlagartig ändern. Ende 1945 wurden die Menschen im Kreis Wetzlar zu Sachspenden aufgerufen. Die Stadt errichtete Baracken zur vorläufigen Unterbringung von insgesamt 1 800 Flüchtlingen. Die Stadt hatte sich vorbereitet. Zwischen Februar und Oktober 1946 trafen dann 20 000 Vertriebene ein. Zusammen mit anderen Flüchtlingen und Evakuierten musste der Kreis Wetzlar bis 1947 rund 30 000 Neubürger aufnehmen. Ein Viertel der Einwohner waren Ende 1947 damit Migranten!

Natürlich lief ein solcher Zuzug nicht ohne Probleme ab. Bereits die Aufnahme des ersten Transportes drohte in einem Fiasko zu enden. Durch das schlimmste Hochwasser der Lahn seit 160 Jahren konnte das große Lager auf dem Gelände der Firma Röchling nicht genutzt werden, ein anderes Lager war kurzfristig von der Militärregierung beschlagnahmt worden. Nur durch schnelle Umverteilung auf Ausweichquartiere im Kreis und zügige Ansiedlung in Dörfern und Gemeinden konnte man dem Ansturm Herr werden. Das zahlenmäßige Verhältnis von Alteingesessenen und Neubürgern war dabei teilweise problematisch. So mussten die 1 000 Einwohner Groß-Rechtenbachs 360 Vertriebene und Evakuierte aufnehmen, in Klein-Rechtenbach kamen sogar 220 Zuzügler auf 280 Altbürger. In der Stadt Wetzlar stieg der Anteil der eingebürgerten Flüchtlinge und Vertriebenen von 9,6% (2 229 Personen) Ende 1946 bis Ende 1950 auf 20,9% (6 014).

Während sich die Neuankömmlinge im allgemeinen für die freundliche Aufnahme in den Gemeinden bedankten, gab es auch viele Klagen »über das unfreundliche und selbstsüchtige Verhalten von Eingesessenen«. Oft fühlten sich die Ausgewiesenen wie Landstreicher oder Menschen zweiter Klasse behandelt, da ihnen Einheimische mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl gegenüber traten. Viele Streitereien gab es wegen des engen Zusammenlebens und der gemeinsamen Benutzung von Toiletten, Bad und Küche. Manchmal mussten die Neuankömmlinge sich mit 5 Personen ein Mansardenzimmer teilen, in dem sie dann all ihre Habseligkeiten, Nahrungsmittel und Heizmaterial lagern mussten. Die Wohnraumdichte (Personen pro Wohn- und Schlafraum) lag im Kreis Wetzlar mit 1,83 deutlich über dem hessischen Durchschnitt (1,65). Da das Baugewerbe sich nach dem Krieg nur langsam erholte, waren bis 1950 noch 70% aller Wohnungssuchenden Heimatvertriebene. Erst 1952 waren 70% der Neubürger nach damaligen Maßstäben ausreichend untergebracht.

In den folgenden Jahren überwanden die alteingesessenen Wetzlarer und die Neuhinzugezogenen gemeinsam und in solidarischem Handeln die Folgen des Dritten Reichs, des Krieges und der Nachkriegswirren und machten aus der Stadt wieder ein blühendes Gemeinwesen.

Dieser Artikel erschienen erstmals am 29.August 2015 und am 5.September 2015 in der Wetzlarer Neuen Zeitung.


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