Kein Frieden in Sicht

Seit 70 Jahren taumelt der Südsudan von einem Bürgerkrieg in den nächsten. Ohne Aussicht auf Besserung leben die Menschen in Not und Elend.

Als ich 1980 mit dem damaligen Gouverneur von Western-Equatoria von Yambio nach Juba fuhr, sagte er:

„Wenn wir hier im Süden die Unabhängigkeit erlangen, wird es auch keinen Frieden geben. Dann werden wir uns gegenseitig bekämpfen!“

Damals erlebte der Südsudan gerade eine Periode des Friedens. 1972 hatte das Friedensabkommen von Addis Abeba den ersten Unabhängigkeitskrieg zwischen dem Sudanesischen Zentralstaat und der Südsudanesischen Befreiungsbewegung Anya-Nya beendet.

Der Südsudan lag weitgehend in Trümmern. 1958–1959 waren durch die sudanesische Armee zahlreiche Dörfer niedergebrannt, Clanchefs getötet und Zivilisten inhaftiert, deportiert und gefoltert worden.

Große Teile der Bevölkerung, die in die umliegenden Länder Zaire (RDC), Uganda, Äthiopien und die Zentralafrikanische Republik (ZAR) geflohen waren, waren inzwischen mit internationaler Hilfe zurückgesiedelt worden. Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen unterstützten den Wiederaufbau, unter anderen die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ, heute GIZ, siehe hier) und das Deutsche Aussätzigen Hilfswerk (DAHW, siehe hier).

Aber wir trafen noch Menschen aus abgelegenen Dörfern, die nicht wussten, dass der Bürgerkrieg zu Ende war. Und als wir Gemeindevertretern vorschlugen Kaffeebäume zu pflanzen, um die Grundkosten für eine Gesundheitsstation zu finanzieren, stieß das zunächst auf große Skepsis: „Die brauchen doch 7 Jahre, um zu tragen. Und bis dahin haben wir eh wieder Krieg.“

Sie sollten Recht behalten. 1983 begann der zweite Unabhängigkeitskrieg, der von beiden Seiten mit rücksichtsloser Gewalt geführt wurde. Etwa vier Millionen Menschen mussten fliehen oder wurden vertrieben. Schätzungsweise zwei Millionen verloren ihr Leben. Erst 2005 wurde im Naivasha-Abkommen das Blutvergießen beendet und der Weg zur Unabhängigkeit des Südsudan freigemacht.

Leider behielt auch unser Gouverneur recht.

Nur zwei Jahre nach der durch ein Referendum erzielten Unabhängigkeit (2011) begann der nächste Bürgerkrieg. Diesmal zwischen den Ethnien der Nuer und Dinka. Die zunächst politischen Spannungen zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Vizepräsidenten Riek Machar führten erneut zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Es kam zu massiven Gewaltausbrüchen und einer humanitären Krise. Wieder starben Mütter und Kinder an Hunger. Wieder wurden Millionen Menschen vertrieben, Zehntausende getötet und der mühsame Wiederaufbau erneut zunichte gemacht.

Beide Seiten haben massive Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begangen, darunter Plünderungen, Massenvertreibungen, Angriffe auf Zivilisten und Zerstörung von zivilem Eigentum, willkürliche Verhaftungen, körperliche Züchtigungen und Folter, Verschwindenlassen von Menschen, (Gruppen-)Vergewaltigungen und außergerichtliche Hinrichtungen.

Nach mühsamen Verhandlungen schlossen die Konfliktparteien 2018 in Addis Abeba einen Friedensvertrag. Im Februar 2020 wurde (erneut) eine Einheitsregierung mit Salva Kiir als Präsidenten und Riek Machar als Vizepräsidenten gebildet. Auch wenn seitdem die Kämpfe zurückgegangen sind, kommt es immer noch zu weit über tausend Konflikt-Toten pro Jahr.

Von den 11,5 Millionen Südsudanesen sind etwa 9,3 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, 7,7 Millionen akutem Hunger ausgesetzt und 650.000 Kinder unter fünf Jahren von schwerer Mangelernährung bedroht.

Durch den Bürgerkrieg im Sudan hat sich die Situation weiter verschärft, da rund 900 000 Menschen Zuflucht im Südsudan suchen.

Obendrein ist der Südsudan eines der am stärksten durch den Klimawandel betroffenen Länder. Nach langen Dürreperioden folgen verheerende Überschwemmungen, von denen rund 1,4 Millionen Menschen betroffen sind. Fast 380.000 mussten ihre Heimat verlassen und die Gesundheitsversorgung ist durch Ausbrüche von Krankheiten wie Gelbfieber und Cholera überfordert.

„Der Südsudan steht am Rande eines humanitären Zusammenbruchs“, sagte bereits im März der Landesdirektor des International Rescue Committee (IRC), Richard Orengo. Dies gilt umso mehr nach der Einstellung der US-Finanzierung für ausländische Hilfsprojekte,

Und der US-Regierung (Trump) fällt bei all dem nichts anderes ein, als die Visa für alle südsudanesischen Bürger*innen zu widerrufen. Weil die südsudanesische Regierung nicht bereit sei, Bürger (d.h. wohl in die USA Geflüchtete) fristgerecht zurückzunehmen: »Es ist an der Zeit, dass die Übergangsregierung des Südsudan aufhört, die Vereinigten Staaten auszunutzen«

Mittlerweile hat die Verhaftung von Vizepräsident Riek Machar durch Präsident Salva Kiir im April 2025 das Friedensabkommen von 2018 ins Wanken gebracht und das Land an den Rand eines erneuten Bürgerkriegs geführt. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Mediation sind gering. Auch weil der Südsudan geopolitisch keine allzu große Bedeutung hat.

Das Leiden der Menschen geht in eine neue Runde – und die Weltgemeinschaft schaut weiter zu!


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